
Parham Shahrjerdi
Diese Zeilen werden geschrieben, während das Internet seit drei Tagen im gesamten Iran abgeschaltet ist.
Die Telefonleitungen sind unterbrochen.
Auch der Strom ist abgeschaltet, damit die Dunkelheit dieser Zeit sich bis zum Äußersten ausbreiten kann.
Es ist Sonntag, der 11. Januar 2026. Es ist 20 Uhr.
Wenn ein Iraner den Namen Kahrizak hört, werden ihn Angst, Wut und traumatische Erinnerungen überwältigen. Ich weiß nicht, wie ich dieses Wort schreiben soll, damit es auf Französisch aussprechbar ist – oder in irgendeiner anderen Sprache.
Kahrizak liegt südlich von Teheran. Im Jahr 2009 wurden Demonstranten dorthin gebracht.
Sie wurden gefoltert. Lange. Brutal. Hart.
Wir schreiben das Jahr 2026.
In Kahrizak ist das Zentrum für Rechtsmedizin mit schwarzen Leichensäcken gefüllt. Dutzende. Hunderte. Sie liegen auf dem Boden.
Angehörige entdecken die erschossenen Leichen.
Entstellte Gesichter.
Die offenen Augen der Toten.
Getrocknetes Blut.
Es wird berichtet, dass das Regime siebenhundert Millionen Toman verlangt, um die Leichen an die Familien zurückzugeben.
Für die abgefeuerten Kugeln.
Man berichtet nicht von den Schreien.
***
Was machen wir mit all dem?
Nach fünfzig Jahren Tyrannei.
Fünfzig Jahren Faschismus.
Fünfzig Jahren Einsamkeit angesichts des Todes.
Was sollen wir tun?
Die Verzweiflung ist total. Keine Hoffnung, dass eine humanitäre Organisation ein Wunder vollbringt. Keine Hoffnung, dass der Westen mehr tut, als er seit fünfzig Jahren nicht getan hat. Keine Hoffnung, dass diese Schreie gehört werden.
Keine Hoffnung, dass das Wunder geschieht.
Aber es gibt eine Verzweiflung, die befreit.
Ich erwarte nichts von Amnesty International.
Nichts von Online-Petitionen.
Nichts von Change.org.
Nichts von der Menschenrechtskommission in Genf.
Nichts von den Vereinten Nationen.
Nichts von den Humanisten.
Nichts von den Humanitären.
Nichts von den Guten.
Nichts von den Philosophen.
Nichts von den melancholischen Dichtern.
Nichts von den Künstlern.
Nichts von den Internationalisten.
Nichts zu erwarten ist manchmal der Beginn der Befreiung.
***
Demokratie – dieses hohle Wort.
Die Völker in Armut halten, ihre Würde und Freiheit unterdrücken und sie dann auffordern, sich selbst zu bemitleiden. Ihnen den Eindruck vermitteln, dass in einer „Demokratie” alles in Ordnung ist, dass man hoffen, träumen und an dieses demokratische Paradies glauben soll.
Man muss schon sehr naiv sein, um dieser Welt, die zusammenbricht, diesen Prinzipien, die ihrem Untergang geweiht sind, Tribut zu zollen.
***
Ein Schlag.
Eine helfende Hand.
Ein kleiner Schubs.
Ein Gewaltakt.
Von einem Trump.
Von einem Netanjahu.
Ist das peinlich?
Unangenehm?
Beschämend?
Aber nein.
Wir schämen uns für nichts.
Das wissen wir schon lange.
***
Es ist dringend notwendig, den Blutverlust zu stoppen. Aber wie soll das gehen?
Ein Land ohne etablierte politische Parteien.
Ohne strukturierte Protestbewegungen.
Ohne eine Sprache, mit der man laut und deutlich seine Ablehnung zum Ausdruck bringen kann.
Dieses Land hat nur eine einzige Wahl:
den Sohn des gestürzten Königs als angekündigten Retter.
Das ist fast schon belustigend.
***
Regression.
Seit Jahrzehnten ist das gemeinsame Merkmal dieser historischen Ereignisse nicht das Scheitern der Völker.
Es ist die westliche und militante Fantasie vom vollständigen Bruch.
Der Arabische Frühling ist Vergangenheit.
Ein Umsturz war nie genug.
Notwendig, aber nie ausreichend.
***
Die Revolution wurde wie ein Ereignis aufgefasst.
Dabei ist sie ein langer Prozess. Konfliktbeladen. Schmerzhaft. Manchmal undankbar.
Man glaubte, der Sturz der Macht würde ausreichen, um die Politik zum Vorschein zu bringen.
Aber was fällt, ist meist nur die letzte Mauer, bevor die Leere sich ausbreitet.
Was geschieht in dieser Leere? Im Idealfall Emanzipation, aber häufiger:
Regression.
Rückkehr des Clans.
Der Miliz.
Der Religion.
Des Anführers.
Des Stärksten.
Nicht aufgrund kultureller Rückständigkeit, sondern aufgrund fehlender kollektiver Sinnstiftung.
***
Das Trauma ist ein politischer blinder Fleck.
Die iranische Gesellschaft ist nicht nur Unterdrückung ausgesetzt.
Sie ist traumatisiert: Kriege, Diktaturen, Kolonialisierung, wiederholte Demütigungen.
Ein traumatisiertes Subjekt handelt in der Dringlichkeit.
Es verwechselt Erleichterung mit Transformation.
Es akzeptiert das geringste Übel als Horizont.
Und wir wissen: Nichts ist einfacher, als einen Traumatisierten zu manipulieren.
Man sagt ihm: Stürze das Regime.
Man sagt ihm: Begnüge dich damit, die Islamische Republik zu verlassen.
Man sagt ihm: Wirf dich in die Arme des Royalismus.
Das Trauma macht kurzsichtig.
Es verlangt einen sofortigen Ausweg aus dem Schmerz, nicht den Aufbau einer Gemeinsamkeit.
Das trifft für das Volk zu.
Für die Militanten im Exil.
Für die solidarischen Intellektuellen.
Für uns alle.
***
Trauma.
Wiederholung.
Zwang.
Die Rückkehr des Schlimmsten in Form von Schutz.
***
Sich mit wenig zufrieden geben – das ist der Skandal.
Man verlangt von Ihnen, dass Sie sich auf der Straße engagieren, und verspricht Ihnen dann Wahlen ohne Institutionen.
Wählen Sie!
Das ist Demokratie.
Das ist Freiheit.
Sagen wir es ganz offen: Die westliche Demokratie ist gescheitert.
Und man wagt es, sie in den Iran zu exportieren.
Nach dem Irak.
Nach Afghanistan.
Nach Libyen.
Die Liste ist zu lang.
Die Zeit dafür ist zu kurz.
***
Der Sturz der Macht ist oft der Moment, in dem die Politik verschwindet.
Wahlen, die in einem symbolischen Vakuum stattfinden, bringen keine Demokratie hervor.
Sie bringen eine Show hervor.
***
Eine Revolution ist keine bloße Einmischung. Doch zwischen einer Bewegung der Befreiung – Frau, Leben, Freiheit – und den erklärten Feinden von Frau, Leben, Freiheit nach Beistand zu suchen, heißt nichts Geringeres, als auf fünfzig Jahre Kampf gegen die Tyrannei zu spucken.
Eine Revolution braucht Zeit.
Sie muss sich Zeit geben.
Sie muss sich an die Misserfolge erinnern.
An die Fehltritte.
An die Fehler.
An die Übereilungen.
An die Kurzsichtigkeit.
In ihrer Verzweiflung, während sie hinter verschlossenen Türen ihre Toten zählt, wird sie sich auf sich selbst stützen können.
Und auf nichts anderes.
Erschienen am 12. Januar 2026 auf Lundi Matin, ins Deutsche übertragen von Bonustracks