„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“
Dante
Man glaubte, er habe sich geirrt. Marx wird Recht behalten. Nicht ganz so, wie er es im Detail gedacht hatte, aber doch im Grundgedanken.
Der Grundgedanke: Die Entwicklung der Produktivkräfte führt zu einer Veränderung der damit einhergehenden Produktionsverhältnisse, bis hin zu einem unauflösbaren Widerspruch im Rahmen der bestehenden Produktionsweise. Ankündigung einer völlig endogenen, endgültigen Krise, da der Kapitalismus selbst die inneren Spannungen erzeugt, die er eine Zeit lang durch historische Umgestaltungen auffängt, aber ab einer bestimmten Schwelle schließlich nicht mehr ausgleichen kann. Langfristig gräbt der Kapitalismus sein eigenes Grab – man nennt das „die Dialektik“.
Das Detail: Der Weg über die aufeinanderfolgenden Phasen der Manufaktur, der Fabrik und der Großindustrie führt zu einer enormen Konzentration von Arbeitern an den Produktionsstätten. Man versammelt solche ausgebeuteten, unterdrückten Massen nicht ungestraft an dem Ort ihrer Unterdrückung. Die Arbeiter sprechen miteinander, werden sich – der Dinge – bewusst, bilden ein – Klassen – Bewusstsein, organisieren sich. Es entsteht eine enorme Kraft, die die Hilflosigkeit des einzelnen Arbeiters auf dem „Arbeitsmarkt“ überwindet – der im ungleichen Duell mit dem Kapital zwangsläufig unterliegt. Im Fabrik-Zuchthaus bringt das Kapital seinen eigenen Todfeind hervor, seine Tage sind gezählt.
Nur dass wir anderthalb Jahrhunderte später immer noch dabei sind, sie zu zählen. Der erste revolutionäre Aufschwung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der einem kritischen Grad der Arbeiterorganisation entsprach, wurde durch Repression und Faschismus gebremst. Der zweite, nach dem Zweiten Weltkrieg, wird durch den Eintritt in den Massenkonsum betäubt: Breit gestreute materielle Entwicklung, Beendigung der Armut des Proletariats – und man entdeckt neue Waffen des Kapitalismus, die man nicht geahnt hatte: Die Arbeitnehmer werden nicht mehr nur vom Hunger getrieben, sondern von süßen, aber anderweitig schädlichen Mitteln. So vertieft sich die Entfremdung immer weiter. Einige Jahrzehnte später: Flugzeug, Mobiltelefon, soziale Netzwerke, Serien – zur gleichen Zeit, in der der Kapitalismus seine Produktionsverhältnisse tiefgreifend umstrukturiert, nachdem ihm der industrielle Erfolg des Fordismus erneut die Gefahr der konzentrierten Arbeitermassen vor Augen geführt hat: Automatisierung, Robotisierung, Auslagerung, Prekarisierung, Atomisierung.
„Den Blick auf das zu richten, was anderswo geschieht, kann uns eine Atempause verschaffen, die uns Kraft und Mut gibt, wenn unser ‚Zuhause‘ düster und unerträglich wird. Denn irgendwo auf dieser Erde wird es immer Menschen geben, die sich organisieren, die es versuchen, die nicht aufgeben.”
Manifiesto – Los Pueblos Quieren
1. Die Aufstand und seine Formen
Trotz des Fatalismus, den unsere Gegenwart natürlich hervorrufen mag, sind Völkermorde, Vertreibung und Umweltkatastrophen nicht die einzige Seite der Zeit, in der wir leben. Die Revolten, wenn auch punktuell und – wie könnte es anders sein – widersprüchlich, machen die Fragilität des gegenwärtigen Zustands deutlich und zeigen letztlich die Möglichkeiten des Lebens und der Selbstorganisation auf, die sich in den Lücken der Ordnung und den Zwischenräumen der kapitalistischen Logik finden. Im Laufe einiger Monate, während der vorangegangenen Aufstandswelle, sowohl in China als auch in Ecuador, Chile und den Vereinigten Staaten, erprobten die verschiedenen Aufstandsbewegungen fast zeitgleich neue (oder manchmal auch nicht ganz so neue) Formen, ihren Kampf zu organisieren, miteinander in Beziehung zu treten und den Raum, den sie durchlebten, zu nutzen. Aus diesen Erfahrungen ragen verschiedene Aktionen, Gesten, Affekte und praktisches Wissen hervor, die, soweit sie sich als wirksam erwiesen, auf die gesamte Aufstandsbewegung übertragen werden sollten und so den Verlauf des Kampfes in verschiedenen Gebieten beeinflussten. Die Verbreitung des Wissens über diese Kampferfahrungen aus anderen Gebieten und über die eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit ist ein grundlegender Moment in der Entwicklung jedes Aufstands.
Worte von Panagiotis Argirou, ehemaliges Mitglied der „Verschwörung der Feuerzellen“, anlässlich der Veranstaltung „Chaotische Intervention“, die in Chile zum Gedenken an den Anarchisten Mauricio Morales Duarte stattfand. 17 Jahre nach dessen Tod während einer Aktion.
Es sind nun 17 Jahre vergangen seit jenem Tag, an dem uns die Nachricht von einer vorzeitigen Explosion in Santiago erreichte, die das Leben eines jungen Genossen auslöschte, der von vielen Menschen in seiner Stadt und wahrscheinlich auch darüber hinaus geliebt wurde: der Genosse Punky Mauri. Um das vom griechischen Staat verwaltete Gebiet zu erreichen, hatte er Tausende von Kilometern zurückgelegt, einen Ozean und zwei Kontinente durchquert und auch unsere Herzen bewegt. 17 Jahre sind eine lange Zeit, und zweifellos ist viel geschehen, denn diese Jahre haben in jedem von uns einen anderen Eindruck hinterlassen… Für mich, der ich von dieser traurigen Nachricht tief getroffen wurde, läuft jedes Mal, wenn dieses Datum näher rückt, ein Schauer über den Rücken, und die emotionale Ergriffenheit ist immer noch sehr stark. Vor allem in den letzten anderthalb Jahren, in denen wir das unglückliche Schicksal miterleben mussten, auch in Griechenland den Tod eines ebenso wertvollen Genossen, Kyriakos Xymitiris, durch eine vorzeitige Explosion zu erleben. Dies hat uns dazu veranlasst, zu suchen, zu recherchieren und herauszufinden, wie viele Brüder und Schwestern wir auf ähnliche Weise verloren haben, und ihre Geschichten in dem Buch „Stelle circumpolari“ zu erzählen, das zum Gedenken an Kyriakos veröffentlicht wurde.
Es ist sehr wichtig, dass die Erinnerung an Mauri durch Gedenkveranstaltungen wie die von euch organisierte sowie durch jede andere Initiative, ob politischer Natur oder nicht, weiterlebt. Die Menschen, die uns verlassen haben, insbesondere diejenigen, die mitten im Kampf von uns gegangen sind, nah bei uns, an unserer Seite zu halten, ist etwas, das über die kollektive Bewältigung der Trauer hinausgeht. Es ist in erster Linie eine kollektive Antwort auf die mächtigste Waffe der Macht, das Vergessen, und darüber hinaus eine kollektive Antwort auf die Zukunft. Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit, und die Vergangenheit trägt unsere Toten und ihre Geschichten mit sich. Geschichten, die wir erzählen, teilen und an die jüngeren Generationen weitergeben müssen. Geschichten von wunderbaren Menschen mit wunderschönen Lächeln, wie Mauri, Kyriakos, Alessandro und Sara, die wir kürzlich bei einer weiteren tragischen, vorzeitigen Explosion in Italien verloren haben.
Wie in dem Kyriakos gewidmeten Buch zu lesen ist, das auch auf Mauri Bezug nahm, handelt es sich um Geschichten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung der Bewegung ignoriert wurden. Geschichten von Menschen, deren Leben mit einer Ladung Dynamit, einer Uhr, einem Zünder, einer Handgranate, einer Bombe oder einem improvisierten Granatwerfer verflochten war. Geschichten von Revolutionären, die zum letzten Mal ihre Koffer gepackt haben. Die sich ins Auto oder auf das Fahrrad gesetzt haben, um eine Reise ohne Wiederkehr anzutreten. Die eine Wohnung betreten haben, um sie nie wieder zu verlassen. Die für immer im Rauch einer tragischen, versehentlichen Explosion verschwunden sind und unvollendete Taten und gebrochene Versprechen zurückgelassen haben. Sie hinterließen erschütterte Menschen, die sich immer wieder fragten, was wohl passiert wäre, wenn… Durch diese Geschichten erfahren wir nicht nur, wer diese Menschen waren, sondern auch, wer diejenigen waren, die ihnen zur Seite standen. Welchen Zielen sie sich widmeten, wie sie über sie sprachen, wie sie für sie handelten. Durch diese Geschichten lernen wir, wie die Menschen gelernt haben, weiterzumachen, und weiterzumachen, und weiterzumachen. Denn wenn es etwas gibt, das bleibt, dann ist es genau das. Das bittere Bewusstsein, dass wir gegen alles ankämpfen und dass die einzige Wahl, die wir haben, darin besteht, weiterzumachen. Weinen, trauern, fluchen, die Zähne zusammenbeißen und schwören, dass wir nicht vergessen werden. Dass wir weitermachen werden. Was auch immer geschieht.
Abschließend möchte ich meine tiefe Rührung darüber zum Ausdruck bringen, denselben Ort mit einem Weggefährten geteilt zu haben, mit dem sich unsere Wege gekreuzt haben, obwohl wir uns nie persönlich begegnet sind. Trotz der Tausenden von Kilometern, die uns trennten, haben wir uns dank unserer Entscheidungen und der Wechselwirkungen zwischen diesen wiedergefunden. Es ist ein überwältigendes Gefühl und eine große Ehre für mich, vor Kyriakos’ Grab gestanden zu haben, um Worte zum Gedenken an Mauri zu rufen, und an der Demonstration zu seinen Ehren teilgenommen zu haben, die von der Polizei brutal niedergeschlagen wurde. Ich wäre heute gerne bei euch gewesen, um die Geschichten über Mauri zu hören, die Aktionen zu seinem Gedenken zu sehen und mit euch zu rufen.
Mauricio Morales, presente!
Ich hoffe, es geht euch allen gut.
Anarchie, immer und vor allem.
Ins Deutsche übersetzt von Bonustracks aus der italienischen Version, die am 4. Juni 2026 auf La Nemesi erschien.
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Am 23. Januar 2026 traten die Arbeiter in Minneapolis in den sogenannten ersten Generalstreik der Stadt seit dem Teamsters-Streik von 1934, der der gewerkschaftsfeindlichen Citizens Alliance den Rücken brach und den Arbeitern in den Twin Cities [gemeinsame Bezeichnung für Minneapolis und St. Paul] den Weg zur gewerkschaftlichen Organisation ebnete. Da sich 70.000 bis 100.000 Arbeiter dem Massenmarsch in der Innenstadt anschlossen und viele Tausende weitere sich krank meldeten, aber bei der brutalen Kältewelle mit Minusgraden zu Hause blieben, schlossen die Geschäfte in den zentralen Stadtvierteln von Minneapolis und St. Paul für diesen Tag und brachten den Handel zum Erliegen.
Der Einsatz eines Generalstreiks in einer amerikanischen Stadt zeigt eine erneute Bereitschaft der Arbeiter, massive, kollektive Maßnahmen gegen ein Regime zu ergreifen, das in seiner Brutalität, seiner Missachtung der liberalen Normen „verfassungsmäßiger“ Regierungsführung und seinen Angriffen auf die ohnehin schon ramponierten Überreste des sozialen Sicherheitsnetzes immer unverhohlener auftritt. Dennoch wurde er von einer überwiegend nicht gewerkschaftlich organisierten Belegschaft durchgeführt, wobei die Gewerkschaften selbst eine widersprüchliche Rolle spielten – sie riefen zwar zu einem Tag ohne Arbeit und Handel auf, weigerten sich jedoch, dies als Streik zu bezeichnen, da sie an ihre Verträge gebunden sind.
Der Generalstreik von Minneapolis im Jahr 2026 ist eine Geschichte über das Zusammenspiel der militanten Minderheit innerhalb der Arbeiterbewegung, der offiziellen Institutionen der Bewegung sowie der breiteren Community und der Arbeiterklasse, die in einer Phase gesellschaftlicher Umbrüche mobilisiert wurden. Es ist auch die Geschichte einer Stadt, in der sich in aufeinanderfolgenden Wellen von Krise und Widerstand ein Geist der Solidarität und der direkten Aktion herausbildet, wobei die Netzwerke und Strategien jedes einzelnen Kampfes die Grundlage für den nächsten bilden. Minnesota bekämpfte ICE [Einwanderungs- und Zollbehörde] durch gegenseitige Hilfe, Selbstverteidigung der Gemeinschaft und Massenaktionen als Arbeiter. Unsere Fähigkeit zu all dem wurde in den vorangegangenen Kampfwellen in den Jahren vor Metro Surge aufgebaut.
Es sollte der Krieg sein, der den „Iran befreien“ würde. So wurde es uns monatelang erzählt, mit Präzisionsbomben, gezielten Sanktionen und dem Ayatollah-Regime in den letzten Zügen. Ein letzter Stoß, so sagte man uns, und das Kartenhaus würde zusammenbrechen. Die Bilder vergangener Proteste wurden mit denen der Bombardements vermischt, und das Endergebnis war eine einfache, fast beruhigende Geschichte: Wir Westler schlagen das Böse, und das Gute – das iranische Volk natürlich – wird es uns danken. Schade nur, dass die Realität die unangenehme Angewohnheit hat, sich nicht an Drehbücher anzupassen, Drehbücher, die wir bereits kannten und die sich erneut materialisiert haben.
Heute, nach Monaten der Bombardierungen, Sanktionen und Propaganda über die „Befreiung“, verhandeln die Vereinigten Staaten über neue Abkommen mit eben jener Islamischen Republik, die sie zu vernichten schworen. Waffenstillstände. Wiederöffnung der Straße von Hormus. Wirtschaftliche Erleichterungen. Der absolute Feind, der beste Feind – derjenige, der aus der Geschichte getilgt werden sollte – ist wieder zu einem Gesprächspartner geworden. Man setzt sich an einen Tisch. Man diskutiert. Man verhandelt. Die Frage lautet also: Wozu hat der Krieg gedient? Wozu hat er gedient, wenn man schon früher an den Verhandlungstisch hätte kommen können, wie viele innerhalb und außerhalb des Iran vorgeschlagen hatten? Warum um alles in der Welt monatelang bombardieren? Warum Infrastruktur zerstören, Zivilisten töten, ein Volk hungern lassen, das ohnehin schon litt, wenn das Ergebnis dann dasselbe ist, das man auch ohne eine einzige Bombe hätte erreichen können?
Wenn du denkst, dieses Universum sei hässlich, solltest du die anderen sehen.
Philip K. Dick
Die Jagd auf Schwarze in Taranto, das Auto, das in Modena in Passanten gerast ist, die Schüsse im islamischen Zentrum in San Diego. Vor allem aber alles, was davor war und leider auch danach kommen wird. Zur rassistischen Genealogie der Gegenwart verweisen wir auf den Artikel von Anna Curcio: Ohne diesen Kompass laufen wir Gefahr, uns in den schrecklichen Zweideutigkeiten dessen zu verlieren, was um uns herum geschieht. Das beunruhigende Thema, das wir hier näher beleuchten wollen, ist, dass der von Samuel Huntington in den 1990er Jahren prophezeite Kampf der Kulturen keine Bedrohung mehr darstellt: Er ist zum Alltag geworden. Am Tag nach dem Rausch, den der Fall der Berliner Mauer ausgelöst hatte, warnte der amerikanische Politologe, der bereits als führender Theoretiker der Trilateralen Kommission galt, seine Mitstreiter: Es sei sinnlos, sich bei den Feierlichkeiten zum „Ende der Geschichte“ zu brüsten, denn was den triumphierenden Kapitalismus erwarte, sei eine Welt, die von den Vereinigten Staaten und dem Westen im Allgemeinen nicht mehr regierbar sei. Der Sieg im Kalten Krieg, so argumentiert der weitsichtige Konservative, drohe sich in einen Pyrrhussieg zu verwandeln, denn die Explosion der sozialistischen Welt setze „kulturelle Identitäten“ frei, die dem westlichen Modell entgegenstehen und zum Kampf der Kulturen führen würden, insbesondere mit dem Islam und China, während auf lokaler Ebene Stammeskriege und Konflikte zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen vorherrschen würden. Darauf müsse man sich vorbereiten, schlussfolgert Huntington.
Am 18. Mai fand vor dem Gericht in Bologna die zweite Verhandlung gegen sechs Genoss*innen statt, denen konkrete Taten im Zusammenhang mit der Mobilisierung von 2022–23 an der Seite von Alfredo gegen den 41bis-Paragrafen und die lebenslange Haftstrafe mit Sicherheitsverwahrung vorgeworfen werden.
In dieser Verhandlung wurden mehrere Zeugen angehört, und unter ihnen konnte auch Alfredo selbst per Videokonferenz aus dem Gefängnis von Bancali das Wort ergreifen.
Seine emotionale Ergriffenheit, verbunden mit der der etwa dreißig Genoss*innen, die im Gerichtssaal anwesend waren, war von Anfang an spürbar. Alfredo begann mit folgenden Worten
Es ist in diesem Moment sehr bewegend, hier zu sein, denn das letzte Mal, dass ich befreundete Gesichter sehen konnte, war vor anderthalb Jahren, und damals waren Sara und Sandrone dabei, die inzwischen verstorben sind, und ich konnte ihnen meine Solidarität nicht bekunden, weil meine Isolation hier drinnen total ist; man verbietet dir, zu existieren.
Er sprach weiter über die Beweggründe, die ihn 2022, kurz nach seiner Verlegung in den 41bis-Trakt, dazu veranlasst hatten, einen unbefristeten Hungerstreik zu beginnen. Gründe, die, wie er selbst in Erinnerung rief, in der internationalen Mobilisierung, die seinen Kampf unterstützte, weite Verbreitung fanden. Er betonte, dass er ohne die Unterstützung von außen zu lebenslanger Haft mit Sicherheitsverwahrung verurteilt worden wäre und dass sein Kampf von der Notwendigkeit getrieben war, zu verhindern, dass seine Inhaftierung in der 41bis-Abteilung einen Präzedenzfall schaffe, der auf die gesamte Bewegung ausgedehnt werden könnte.
Im Anschluss daran berichtete Alfredo über seinen derzeitigen Zustand der Isolation. Er bekräftigte, dass er einer fast vollständigen Postblockade ausgesetzt sei, die derzeit (im Gegensatz zur Zeit vor der Mobilisierung) auch für Benachrichtigungen über zurückgehaltene Post gelte. Er erhalte seit Monaten keine Post mehr; kürzlich sei ihm ein Brief vom Dezember 2025 zugestellt worden.
Er sprach dann über die mittlerweile bekannte Unmöglichkeit, Zugang zu Büchern zu erhalten, sei es durch den Kauf über Kataloge oder über die Zentralbibliothek des Gefängnisses. Er schilderte das Paradoxon seiner Isolation, da er von einem Großteil der anarchistischen Mobilisierungen der letzten Jahre durch die sehr umfangreiche Akte erfahren habe, die die Verlängerung seines 41bis-Status begründet und von den Wärtern, die sie ihm zugestellt haben, als „die umfangreichste in der Geschichte des 41bis“ bezeichnet wurde.
Als weiteren Aspekt seiner Haft beschrieb er, dass der Anwendungsbereich des 41bis-Regimes immer mehr auf Personen ausgeweitet wird, die zuvor nicht davon betroffen waren, wobei die Zugangsschwelle zunehmend gesenkt wird; dabei führte er das Beispiel eines Häftlings an, der vom AS-Trakt in den 41bis-Trakt verlegt wurde, weil er im Besitz eines Mobiltelefons war.
Diese Gelegenheit ermöglichte es Alfredo zudem, die Stationen seiner Haft zu skizzieren: vom Militärgefängnis wegen totaler Wehrdienstverweigerung über die allgemeinen Abteilungen und die Hochsicherheitsabteilungen in Ferrara und Terni bis hin zur Einweisung in den 41bis-Trakt, der als Ort der völligen Isolation gilt. Sicherlich beschränkte sich Alfredos Blick nicht auf seine persönliche Erfahrung, und auch dieses Mal ließ er keine Gelegenheit aus, die Brutalität des gesamten 41bis zu verurteilen, wobei er bekräftigte, dass es für ihn keinen Unterschied zwischen den Gefangenen innerhalb dieses Systems der Inhaftierung und Vernichtung gibt. Er berichtete vom Schrecken der 41bis-Krankenstation in Opera, wo überwiegend sehr alte Menschen inhaftiert sind, viele von ihnen an Alzheimer erkrankt, im Rollstuhl oder in ihrer Selbstständigkeit stark eingeschränkt, die nicht einmal mehr wissen, warum sie dort sind. Schließlich konnte er es sich nicht nehmen lassen, eine Einschätzung zum Sinn dieses Regimes abzugeben, das ursprünglich dazu gedacht war, jene Personen zu beseitigen, mit denen der Staat verhandelt hatte und die er zum Schweigen bringen musste, sobald sie sich für seine schmutzigen Machenschaften als nutzlos erwiesen hatten.
Im Anschluss an seine Aussage brandeten im Gerichtssaal verständlicherweise herzliche, von Zuneigung geprägte Grußrufe auf, die die Richterin verärgerten und zur Räumung des Saals führten. Auch zu Beginn der 60. Verhandlung gelang es den anwesenden Genoss*innen, Alfredo zu begrüßen, der diese Zuneigung erwiderte und es so schaffte, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, eine schreckliche Isolation zu durchbrechen. Es war ein sehr starker Moment, der von beiden Seiten dieses verfluchten Bildschirms geteilt wurde.
Wir sind sicher, dass der heutige Anlass für Alfredo sehr wertvoll war, aber noch mehr für uns, die wir in seinen Worten und seiner stets präsenten Ironie einmal mehr eine enorme Entschlossenheit, einen Hass auf die Unterdrücker und eine sehr starke Liebe zu seinen Genossen gefunden haben, angefangen bei seinen ersten Worten für Sara und Sandro. Und mit der lebendigen Erinnerung an sie wollen auch wir diese Zeilen beenden, um diejenigen nicht zu vergessen, die ihr Leben gegeben haben, um für eine andere Welt zu kämpfen.
Mit Sara und Sandro im Herzen.
Damit von jedem Gefängnis nur Trümmer übrig bleiben.
Kopf hoch, Alfredo!
Einige angeklagte und solidarische Genoss*innen aus Bologna
Die nächste Verhandlung in diesem Prozess findet am 15. Juni um 9 Uhr statt. Die letzten Zeug*innen werden angehört und wahrscheinlich wird die Plädoyerrunde beginnen.
Veröffentlicht am 20. Mai 2026 auf Il Rovescio, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.
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Das letzte Buch ist wie die letzte Zigarette: Man wirft die Packung weg und kauft sich eine neue. Ich habe schon so oft mit dem Rauchen aufgehört und ebenso oft mit dem Schreiben. Vor einem Vierteljahrhundert habe ich dem Rauchen Lebewohl gesagt, aber mit dem Schreiben habe ich es nicht geschafft, es ist eine harte Droge. Ich versuche es auch jetzt gerade, während ich schreibe. Ich widme mein ganzes Leben dieser Autobiografie, danach muss sich der Wurm ein anderes Stück Holz zum Nagen suchen. Aber mir fehlt noch ein Stück Weg, das letzte, ohne das sich das Wort „Ende“ nicht setzen lässt. Der Gedanke, dass ich es wirklich tun könnte, dass ich dieses Mal mit der vollen Schachtel auch das Verlangen nach Verständnis wegwerfe – schließlich war das Schreiben für mich immer eine persönliche Abrechnung –, ist beunruhigend. Und traurig, als würde man etwas Gestalt geben, das es nicht mehr geben wird; als würde man die Leere umschreiben, die die letzte Zigarette im Leben des Rauchers hinterlässt.
Und so habe ich es gestern nicht geschafft, weiterzumachen. Vor dem Bildschirm zu sitzen und Erinnerungen zu durchforsten, wie damals, als ich Ideen gebar, und mit dem Unbehagen auch den Schmerz wiederzubeleben, dass es einmal so war. Abgesehen von der Gefahr, auch jetzt noch den x-ten Tribut an das Schreiben zu zahlen: die letzte Demütigung der Erinnerung. Also habe ich dem Hohn einen Ausflug an die frische Luft vorgezogen.
Unten im Hof fand ich einen Sonnenstrahl, der an der Mauer entlanglief; eine Reihe von Häftlingen folgte ihm. Ich reihte mich hinter ihnen ein, den Blick gesenkt, darauf bedacht, keine Gespräche anzufangen, die mich doch abgelenkt hätten: die Traurigkeit zu lindern, indem man sich eine unendlich kleine Dosis desselben Übels verabreicht. Früher, zumindest in Höfen wie diesem, war es die Wut, die mir Gesellschaft leistete, jetzt ist es die Melancholie, die den Ton angibt. Ich folge der Sonne: „Glücklich der, der an Wänden hochklettern kann, ohne eine Maschinengewehrsalve zu riskieren.“ Das hat Raffaele einmal gesagt, als er in den Himmel blickte und darin das Antlitz Jesu sah. Er sieht Jesus überall, er sagt es mit solcher Leidenschaft, dass ich oft versucht bin, es zu glauben. Hier machen sie sich über ihn lustig, weil er immer lacht; manchmal weint er, aber es ist, als würde er lachen. Raffaele ist ein alter Dieb, einer von der alten Schule, die stahlen, um zu leben, und nicht wie heute, um sich ihre Dosis zu beschaffen. Ich bin ihm sympathisch, weil ich ihm zuhöre. Ich habe aus Höflichkeit angefangen, ihm zuzuhören, dann hat er mich neugierig gemacht, und manchmal überrascht er mich mit einer Eingebung, dann lachen wir zusammen. „Der alte Terrorist lacht mit dem alten Dummkopf“, sagen die Blicke der Mitgefangenen. Blicke, die immer wieder aufleuchten, im Rhythmus, den das Methadon vorgibt, durch den schönen Anruf zu Hause, durch die x-te Ablehnung des Bewährungsrichters, durch die Angst und die Liebe, die sie verschlingt. Augen, die wandern, und ich, der ihnen folgt, hinter diesem Streifen Sonne, der sich verjüngt und steigt, und je höher er steigt, desto mehr heben sich die Blicke, klammern sich an ihn wie an das letzte Licht der Hoffnung.
Und in der Hoffnung, diese Passage zu vollenden, beginne ich heute früh von Neuem. Ich grabe die Erinnerungen an eine Zeit aus, in der ich glaubte, das Schreiben zu einer Gewissensprüfung machen zu können. An die Zeit, als ich, ein Buch nach dem anderen, stets dem Unvollendeten nachjagend, auf der krampfhaften Suche nach Unschuld, tausend Varianten fand, um dieselbe Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die, seien wir ehrlich, wenig klar war, mit einem Anfang, der wie ein Ende wirkte, und bei der die Umstände immer das letzte Wort hatten. Damals hatte mich niemand kommen sehen; ich nehme an, es war das sterbende Licht des Jahrtausend, das meinen Streifzug durch die glanzvollen Heiligtümer von Saint-Germain-des-Prés begünstigte.
Erschienen am 19. Mai 2026 auf Carmilla Online, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.
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Der Tod von Sara Ardizzone und Alessandro Mercogliano, der sich in der Nacht vom 19. auf den 20. März in Rom infolge der Explosion und des Einsturzes eines Bauernhauses im Parco degli Acquedotti ereignete, hat eine Wunde aufgerissen, die nicht verheilen will. Die spontane Reaktion der anarchistischen Bewegung in Italien und weltweit war größtenteils würdevoll, im Einklang mit dem Lebensweg zweier Revolutionäre, die im Kampf gefallen sind. Bislang fehlte jedoch ein echter Moment der Auseinandersetzung. Das bedauern wir nicht, vielmehr glauben wir, dass angesichts der Natur dieses Ereignisses eine gewisse Zeit notwendig ist. Es sind unweigerlich die langen Zeiten der Trauer, aber es sind auch die langen Zeiten des tatsächlichen Verständnisses der Tatsachen.
Wir glauben nicht, dass die Haltung, die wir gegenüber dieser Tragödie einnehmen sollten, die eines spezifischen Kampfes sein muss, mit all den Dringlichkeiten, Zufälligkeiten und der Angst, etwas „Praktisches“ tun zu müssen, die ein solcher Kampf mit sich bringt. Sicherlich hatte ein solches Ereignis auch eine Reihe von Kampfsituationen zur Folge: den Versuch, die Teilnahme an der Beerdigung mit jedem noch so armseligen Trick zu sabotieren, die vorbeugende Festnahme von 91 Anarchisten, die am Morgen des 29. März Blumen am Unfallort niederlegen wollten, die mediale Schmutzkampagne gegen die Ostermontagsveranstaltung in Valnerina zum Gedenken an Sara. All diese Momente sind nur deshalb zu Momenten des Kampfes geworden, weil der Staat und seine Diener an den verschiedenen Frontlinien (in Polizeipräsidien und Redaktionen, in Ministerien und Gerichten) eine Haltung eingenommen haben, die darauf abzielt, unsere Genoss*innen mit einem Mantel des Schweigens und der moralischen Ausgrenzung zu bedecken. Man denke vor allem an die politische Befürwortung der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hinsichtlich der vorbeugenden Festnahme der 91 Anarchisten, der allerersten Anwendung dieser im letzten „Sicherheitspaket“ eingeführten Maßnahme.
Fabiola Naldi im Gespräch mit Franco „Bifo“ Berardi
‘NEIN! Die Verneinung als künstlerische Praxis’ von Fabiola Naldi ist die neue Veröffentlichung von MachinaLibro. In dem Text durchläuft die Autorin künstlerische Erfahrungen, die den Weg des Widerstands und der Verneinung des Selbst gewählt haben, von Gustav Metzger bis Lee Lozano, von Yvonne Rainer bis Stewart Home, einschließlich Blu. Das Buch enthält auch ein Interview mit Franco „Bifo“ Berardi, das wir heute veröffentlichen: eine radikale Reflexion über das Verhältnis zwischen Kunst, Verneinung, Autonomie und Desertion im Zeitalter des kognitiven Automaten sowie eine Hinterfragung des Schicksals der Sprache und des Menschen selbst.
Redaktion Machina
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Fabiola Naldi: Wie lässt sich eine künstlerische Praxis, die eine echte Funktion des Widerstands ausübt, von jenen Formen kultureller Produktion unterscheiden, die zwar eine kritische oder oppositionelle Sprache anwenden, aber bereits vollständig in die wirtschaftlichen, medialen und institutionellen Kreisläufe des zeitgenössischen Kapitalismus integriert sind?
Bifo: Ich habe nie geglaubt, dass Kunst eine Funktion des Widerstands erfüllt. Und ich habe auch nie so recht verstanden, was dieses Ding ist, das man „Kunst“ nennt. Ich würde sagen, dass es sie nicht gibt, außer als Vereinfachung der Kritik. Ich kann über Künstler sprechen, die gibt es tatsächlich, und sie machen sehr unterschiedliche Dinge, die sich kaum einer einzigen abstrakten Kategorie zuordnen lassen. Künstler sind, wie McLuhan sagt, Antennen, die die bevorstehenden Veränderungen in der Psychosphäre sensibel wahrnehmen. Die Tätigkeit der Künstler kann also eine dem Kunstmarkt unterworfene Produktion sein, also das Nichts, das in kommerzieller Form organisiert ist, die Schaffung von Wert aus dem Nichts. Oder sie kann (und ist es manchmal) Vorwegnahme, Vorahnung, Sensibilisierung für die mutagenen Strömungen, die in der Infosphäre zirkulieren und in die Psychosphäre eindringen, um sie zu formen. Aber sie kann kein Widerstand sein, auch weil dieses überstrapazierte Wort nicht mehr viel, ja fast gar nichts mehr bedeutet. Widerstand gegen was? Gegen den kognitiven Automaten, der sich im Mittelpunkt der Szene etabliert? Und auf welche Weise?