Echos aus einer brasilianischen Zelle

Cesare Battisti 

Der Nobelpreisträger Jon Fosse sagt: „Schreiben erfordert einen tiefen Glauben daran, dass etwas in uns ist und dass es an die Oberfläche kommen kann. Schreiben bedeutet Hingabe, und es ist etwas, das geschenkt wird. Aber damit es geschieht, muss man sich eben darauf einlassen. In diesem Sinne ähnelt das Schreiben dem Glauben. Beides sind Prozesse, bei denen man nicht weiß, wohin sie führen: Schreiben ist eine Art, etwas kennenzulernen, etwas besser zu verstehen, während man voranschreitet: Es ist fast logisch, würde ich sagen, dass es einen Akt beinhaltet, wenn nicht des Glaubens, so doch zumindest des Vertrauens.“

Vor achtzehn Jahren, als ich in einer Zelle eines Bundesgefängnisses in Brasília saß, kannte ich weder Jon Fosse, noch seinen „Glauben“, dem ich doch bereits begegnet sein musste. Hätte ich diese Worte damals gelesen, in der erstickenden Hitze einer überfüllten Zelle, wären sie wie Dampf gewesen, der aus dem Haufen menschlichen Fleisches aufstieg. Unsere Verlassenheit hatte wenig mit dem Vertrauen und der Inspiration des Künstlers zu tun. In unserer Zelle war kein Platz für Jon Fosses Glauben, es war nicht einmal Platz für Papier und Stift. Von Zeitungen und Publikationen ganz zu schweigen, wir aßen auf dem Boden, kauerten übereinander und benutzten unsere Finger als Besteck. Wir schliefen in Schichten, weil auf dem Boden nicht genug Platz war, um uns alle gleichzeitig hinzulegen. Es gab einige, die es schafften, im Stehen zu dösen, indem sie sich mit Streifen ihrer Decke an das Gitter banden.

Manche ließen sich gehen, verkümmerten zusehends, bis man sie fortbrachte und ein anderer kam, um ihren Platz einzunehmen.

In den ersten Wochen glaubte ich, ich würde sterben; das wäre eine Erlösung gewesen. Aber nicht einmal der Tod ist umsonst, man muss ihn sich verdienen, und ich hatte nichts, was ich dafür anbieten konnte. Nicht einmal einen Funken Mut für die letzte Tat, und wo sollte ich einen Platz finden, um mich aufzuhängen? Verurteilt, durchzuhalten, wie mich die Blicke von Besuchern, die ich nicht einmal kannte, hinter der Panzerglasscheibe anflehten. Männer und Frauen, die auf ihre Handfläche die Namen der Personen geschrieben hatten, die sie geschickt hatten. Es waren Namen, die sagten: „Wir sind da“, und die mich für ein paar Minuten, einmal pro Woche, mit Nase und Mund an die Trennscheibe gepresst, den Atem stocken ließen und mir damit auch den Funken Hoffnung gaben. Gerade lange genug, um in die Zelle zurückzukehren und zu sehen, wie er im Schlachthaus verflog.

„Durchhalten“, sagten die Blicke hinter der Trennscheibe des Gesprächsraums. Ein Wort, das meine Mitgefangenen nie aussprachen. Sie taten es einfach, atmeten die abgestandene Luft ein und verschlangen, nachdem sie sich das Kreuz auf die Brust geschlagen hatten, die Schüssel mit Reis und Bohnen. Die Bohnen, von denen es immer nur wenig gab, wurden uns zweimal täglich durch die bodennahen Schlitze gereicht. Auch ich aß, eine Kapitulation jedes Mal, wenn ich meine Finger in den Brei tauchte. Für die Gläubigen schien es ein Triumph zu sein, oder sie konnten es gut vortäuschen. Waren sie schon immer gottesfürchtig gewesen, oder kam es ihnen im Gefängnis gelegen, es zu sein? Ich hatte keinen Glauben, also füllte ich die Leere mit dummen Fragen. Aber der Glaube, von dem Jon Fosse mir zwei Jahrzehnte später erzählen würde, war etwas anderes; hätte ich das damals verstanden, hätte ich ihn nicht mit der Strafe verwechselt. Es war ein Glaube, der mir keinen Frieden gab.

Die Geschwindigkeit, mit der sich Vergangenheit und Gegenwart vermischen, ist so groß, dass man sie manchmal nicht mehr voneinander trennen kann. Es kommt vor, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob es ist oder ob es war. Die Gefangenschaft verdichtet die Zeit, die Emotionen dehnen sie aus, und alles liegt in einem einzigen Augenblick. Heute bin ich hier, ein Gefangener, der von einer anderen Gefangenschaft erzählt und sich selbst im Unterschied davon sucht. Man muss sagen können: Das ist heute; die Gitterstäbe scheinen dieselben zu sein, sind es aber in Wirklichkeit nicht. Diese hier tun so, als wären sie nicht da; ich riskiere, sie nicht zu sehen, und stoße dagegen. In Brasília hätte ich wer weiß was getan, um einen Tisch zu haben, an dem ich Jon Fosse lesen und sagen könnte: Es ist wahr. Auf meine Weise wusste ich schon damals, dass das Schreiben ein Akt des Glaubens ist.

Ein Verzweifelter muss sich zwangsläufig auf etwas verlassen, das größer ist als er selbst. Vielleicht glaubt er nicht vollständig daran, weil das Leben ihn misstrauisch gemacht hat, aber er weiß auch, dass er keine Wahl hat, also stürzt er sich in das Abenteuer und nimmt, was kommt. Das tue ich auch heute noch, und die Angst, die es zu überwinden gilt, ist dieselbe wie damals: wie man seine eigene Verletzlichkeit akzeptiert und sie denen offenbart, die einen verletzen können. Es ist nicht der Mut, der einen ins Leere stürzen lässt, in der Hoffnung, dass einem Flügel wachsen, es ist die Leichtsinnigkeit.

Davon hätte man in der Hölle von Brasília eine ordentliche Portion gebraucht, um den Dämonen und Verdammten zu sagen:

„Gebt mir Papier und Stift und vergesst mich.“ Doch Leichtsinn allein reicht nicht aus, es hätte noch etwas anderes gebraucht; nur ein Verrückter hätte so viel verlangt. Oder ein Verzweifelter, der weiß, dass er keine Wahl hat: Schreibe oder stirb. Aber wir brauchen immer jemanden, der uns das sagt, einen Freund, der uns daran erinnert, dass am Leben zu bleiben nicht nur ein Recht ist, sondern manchmal auch eine Pflicht, denn gerade in widrigen Umständen zeigt sich der Mensch und belohnt so die ausgestreckte Hand.

Übersetzt aus dem Italienischen von Bonustracks. Einige weitere Übersetzungen fanden und finden sich in der Sunzi Bingfa und auf Bonustracks.

Dieser Beitrag wurde unter General veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.