Globaler Bürgerkrieg und die neue Aufteilung der Welt: Über Venezuela und die Vereinigten Staaten.

Colapso y Desvío [Chile] 


Es wird viel darüber gesprochen, dass wir uns am Beginn einer neuen Ära befinden, und diese Vorstellung ist nicht ganz falsch. Allerdings hat diese Ära nicht heute begonnen, wie einige zu behaupten wagen. Wir erleben derzeit eine Verstärkung der nekropolitischen Vorgehensweisen seitens der wichtigsten Weltmächte. Die Intervention in Venezuela (mit dem Namen Operation Absolute Resolve) ist ein wichtiger Schritt in einem Prozess der globalen Umstrukturierung, der durch die Eindämmung und Unterdrückung der Aufstände im vorangegangenen Kampfzyklus (2019-2022) Gestalt annimmt. Aer wir betonen, dass dies nichts völlig Neues ist, sondern dass es sich um denselben Trend zur zivilisatorischen Barbarei handelt, dessen frühere Meilensteine die israelischen Bombardierungen im Nahen Osten und der Krieg in der Ukraine sind. Die Säulen der westlichen liberalen Demokratie brechen unter dem Klang von Bombardierungen, territorialen Besetzungen, Verschleppungen und politischer Verfolgung endgültig zusammen. Nationale Souveränität, Völkerrecht und Gewaltenteilung erweisen sich für das derzeitige Stadium der kapitalistischen Entwicklung als wertlos.

Um die Ereignisse zu verstehen, die in den letzten fünf bis sechs Jahren weltweit die größten Auswirkungen hatten, müssen wir die Gegenwart als Teil eines globalen konterrevolutionären Prozesses begreifen, in dem sich Krieg in seinen verschiedenen Formen überall ausbreitet [1]. Keine Nation bleibt von diesem Prozess verschont, vielmehr durchzieht der Krieg alle Nationen auf allgemeine, wenn auch ungleiche Weise. Wenn nicht durch den klassischen Krieg zwischen Nationalstaaten, dann als Krieg gegen die Bevölkerung, gegen den „Drogenhandel”, gegen die „unkontrollierte Einwanderung”, als Zollkrieg, Krieg gegen den jeweiligen Feind und als Völkermord. Was derzeit in Venezuela geschieht, lässt sich in diesem Prozess des globalen Bürgerkriegs zusammenfassen, der das Ergebnis der aktuellen Phase des Zerfalls des Kapitalismus ist, der die verschiedenen Fraktionen der internationalen Bourgeoisie zu einem verzweifelten Wettlauf um das Überleben des kapitalistischen Modells im Austausch für Hunderttausende von Menschenleben mobilisiert. Der globale Bürgerkrieg, als perfektionierte Form der unterschiedlichsten Kriegsformen der Vergangenheit, entsteht als Antwort auf die historischen Bedürfnisse des Kapitalismus, um die Mindestvoraussetzungen für seine Reproduktion zu sichern.

„Es ist Krieg, weil er die Unmöglichkeit der Versöhnung, der Koexistenz voraussetzt. Das Kapital versteht nur eine Form der Existenz, und das ist seine eigene. Und er ist global, weil er durch die universalisierende Form des Kapitalismus in seiner Phase der totalen Herrschaft möglich ist“ [2].

Trump als aktuelle Verkörperung der selbstmörderischen Logik des Kapitals ist weltweit der größte Promotor dieses Kontexts. Er und seine Pendants in der Region (Milei, Kast, Bolsonaro, Bukele) sind sich nicht nur der strukturellen Krise des Kapitals bewusst, sondern instrumentalisieren sie auch und machen sie zum Motor ihrer Politik und gleichzeitig zur Rechtfertigung derselben. Der Streit um die natürlichen Ressourcen zwischen den größten Mächten der Welt hat weniger mit einem „neuen Kalten Krieg“ zu tun als mit einer neuen Aufteilung der Welt zwischen China, Russland und den USA: einem Vertrag von Tordesillas [3] für das 21. Jahrhundert. Die Interessen der USA am venezolanischen Öl scheinen nach der militärischen Intervention in Caracas, der Entführung von Nicolás Maduro und der offensichtlichen Kontrolle der USA über die Regierung in Venezuela gesichert zu sein, während sich die Territorialstreitigkeiten mit Grönland und Mexiko möglicherweise in ähnlicher Weise entwickeln werden: mit der Kontrolle der USA über deren natürliche Ressourcen und Territorien durch die Androhung militärischer Interventionen und Zollkriege. Die alte Monroe-Doktrin wird aktualisiert, um den aktuellen Formen des US-Faschismus eine politische Grundlage zu geben.

Nach der Intervention in Venezuela zögerte Trump nicht lange, die Drohung auf die Regierungen Kubas und Kolumbiens auszuweiten, zusätzlich zu den zuvor gegen Brasilien ausgesprochenen Drohungen. Die Kontrolle über die westliche Hemisphäre – vor allem aber über den amerikanischen Kontinent – in Verbindung mit einem strengen Sparprogramm und einer allgemeinen Verschlechterung der Lebensbedingungen des amerikanischen Proletariats scheint die nationale Sicherheitsstrategie zu sein, um den Auswirkungen der strukturellen Krise des Kapitals teilweise entgegenzuwirken. Auch wenn diese Krise damit nicht überwunden wird, ermöglicht sie doch die Fortsetzung des extravaganten Lebensstils der nationalen Großbourgeoisie. Das US-Imperium wird nach außen hin durch Krieg und neokolonialen Expansionismus wiederbelebt. Es scheint, dass weder Russland noch China etwas für Venezuela unternehmen werden, genauso wie Trump nicht gegen eine Expansion Chinas in Taiwan und Tibet oder Russlands in der Ukraine vorgehen würde. Die Grenzen scheinen bereits gezogen zu sein, und jede Macht beginnt, ihren Hinterhof zu ordnen.

Angesichts dessen erscheinen die Erzählung von der Multipolarität und die Hoffnungen der lokalen „Souveränisten“ auf die aufstrebenden Volkswirtschaften (BRICS), die mit dem US-Imperium rivalisieren, völlig haltlos. Sowohl Russland als auch China werden sich gerne mit den Vereinigten Staaten auf Vereinbarungen einigen [4], wie wir in letzter Zeit gesehen haben, genauso wie sich die Länder des Nahen Ostens mit Trump zusammensetzen, um die Lage in Palästina zu besprechen. Andererseits lassen die Äußerungen von Trump und Marco Rubio über Delcy Rodriguez, die Vizepräsidentin Venezuelas, auf einen Kompromiss zwischen den bürgerlichen Fraktionen des Chavismus und der US-Regierung schließen [5].

Die Opposition gegen den Imperialismus, insbesondere in seiner heutigen Form, kann nicht mit einer pragmatischen Unterstützung des gegnerischen imperialistischen Pols gleichgesetzt werden. Die Reduzierung des Imperialismus auf eine Frage zwischen „guten“ und „bösen“ Nationen blendet die sozialen Konflikte aus, die in seinem Inneren stattfinden, und konstruiert eine Fantasie vom Nationalstaat, in der die klassenübergreifende Vorstellung vom „Volk“ unabhängig von den sie bestimmenden Klassen-, Rassen- und Geschlechterverhältnissen gedeiht. So wird die Ablehnung Russlands zur Unterstützung der ukrainischen Regierung und der NATO, ebenso wie die Ablehnung der Vereinigten Staaten zur Unterstützung der nationalen Bourgeoisie der fälschlicherweise als „bolivarische Revolution” bezeichneten Entwicklung. Die Verteidigung des venezolanischen Proletariats kann nicht mit einer Verteidigung der Regierung gleichgesetzt werden, die für die Verschlechterung seiner Lebensbedingungen verantwortlich ist [6], ebenso wenig wie eine kommunistische Perspektive aus der Verteidigung der Grundkategorien des Kapitals, d. h. der Heimat, des Wertes, des Staates und der Geschlechterrollen, hervorgehen kann.

“Die aktuelle Lage in Venezuela ist ein Beweis dafür, dass die Regierungen des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts” bei der Bewältigung der kapitalistischen Krise gescheitert sind. Das Problem ist, dass das Kapital und seine Krise unregierbar sind: Es ist das Kapital, das die Gesellschaft und damit den Staat regiert, nicht umgekehrt. Das Gegenteil zu glauben, ist illusorisch, und zu versuchen, es zu verwirklichen, ist reformistisch [7].”

Fussnoten

[1] Um mehr über den Begriff des globalen Bürgerkriegs zu erfahren, lesen Sie: Nueva Icaria, Nuevos fascismos y la reconfiguración de la contrarrevolución global, 2025 [Hier lesen]. Die Werke von Maurizio Lazzarato und Tiqqun zum Thema Krieg sind ebenfalls hilfreich. Auch die Analysen der EZLN und der Kurden beziehen sich auf die Aktualität eines Weltkrieges (wenn auch mit Unterschieden). Nach Ansicht der EZLN weist dieser neue Weltkrieg (der vierte ihrer Meinung nach) eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit den vorherigen auf: die territoriale Neuordnung, die Vernichtung des Feindes und die Verwaltung der Eroberung.

[2] Nueva Icaria, Nuevos fascismos y la reconfiguración de la contrarrevolución global, 2025 [Hier lesen].

[3] Wir beziehen uns auf den Vertrag, der 1494 zwischen den Vertretern von Isabella und Ferdinand, Königin und König von Kastilien und Aragon, einerseits und denen von König Johann II. von Portugal andererseits geschlossen wurde. Dieser Vertrag hatte die Aufteilung der Neuen Welt (Amerika) und der Routen über den Atlantik zum Ziel, um einen Konflikt zwischen Spanien und Portugal zu vermeiden.

[4] Bei der Pressekonferenz am 3. Januar bekräftigte Trump umgehend die guten Beziehungen, die er zu Xi Jiping und Putin zu haben behauptet: „Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Xi, und es wird keine Probleme geben. Sie werden Öl bekommen. Das bleibt so, wie es war, ohne Änderungen. Mit Russland sind wir ebenfalls in Verhandlungen und werden zu einem guten Ergebnis kommen. Wir verstehen uns unglaublich gut.“

[5] Trump über Delcy Delgado: „Sie wurde gerade vereidigt. Aber sie wurde von Maduro gewählt. Marco (Rubio) arbeitet also direkt daran. Ich habe gerade mit ihr gesprochen, und im Grunde ist sie bereit, alles zu tun, was wir für notwendig halten, damit Venezuela wieder groß wird.“

[6] Wie Arya Sahedi treffend sagt: „Die ideologische Form des Antiimperialismus ist ein unglaubliches Hindernis für den Aufbau eines erneuerten Internationalismus.“ A. Sahedi, The Anti-Imperialist Imperialism Club: On Left Internationalism and Iran, Heatwave, Ausgabe 2, 2025. [Hier lesen].

[7] Proletarios Revolucionarios, Venezuela: Krise, Proteste, innerbürgerlicher Machtkampf und Gefahr eines imperialistischen Krieges, 2015. [Hier lesen].

Veröffentlicht am 3. Januar 2026 auf Colapso y Desvío, ins Deutsche übertragen von Bonustracks. 

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