
Valentine Fell
Auf einer Mauer unweit meines Zuhauses hat jemand mit roter Sprühfarbe in Großbuchstaben geschrieben: DIE POLIZEI TÖTET IM 20. ARRONDISSEMENT. Letzte Woche starb El Hacen Diarra auf dem Polizeirevier, nur wenige Straßen von hier entfernt.
Wenn man bei Google „Die Polizei tötet im 20. Arrondissement“ eingibt, erscheint als erstes: „El Hacen Diarra starb in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in Polizeigewahrsam im Polizeirevier des 20. Arrondissements von Paris an einem Herzinfarkt. “
Vor dem Wohnheim, in dem er lebte, bedeckt eine Menschenmenge den Asphalt. Man sieht nur traurige und wütende Gesichter. An den Fenstern filmen Männer die Versammlung. Wir, die wenigen Weißen, die hier sind, um die Angehörigen des Opfers zu unterstützen, sind ein trauriger Anblick. Auch wir sind Frankreich. Wir und unsere unsichtbaren, unantastbaren, unberührbaren Körper, die vor den Schlagstöcken und Schlägen der Ordnungskräfte geschützt sind. Und es ist das Bild unserer auf diesem Platz versammelten Körper, das diese Männer vielleicht ins Land schicken werden, um ihre Angehörigen zu beruhigen und ihnen zu sagen, dass sie nicht allein sind.
Dass zwei- oder dreihundert Menschen hier sind und mit dieser Gewalt nicht einverstanden sind.
Hier stirbt man an einem „Herzinfarkt”, wenn man als Schwarzer oder Araber im Besitz von Betäubungsmitteln ist.
„Wir beginnen das Jahr 2026 mit einem Toten. Es ist wichtig, dass wir zahlreich sind, es ist wichtig, dass wir anprangern, was passiert ist“, sagt Assa Traoré ins Mikrofon. „Denn wenn wir das zulassen, wird es noch viele weitere El Hacen Diarras geben. (…) Die Polizisten sind für seinen Tod verantwortlich. Seien wir darauf vorbereitet, dass sie sagen: ‚El Hacen stand unter Drogeneinfluss.‘; ‚El Hacen ist an einem Herzinfarkt gestorben.‘ Das sind Sätze, die wir hören werden. Aber niemand sollte sterben, weil er der Polizei begegnet. Niemand sollte einer Identitätskontrolle unterzogen werden, nur weil er vor seiner Haustür sitzt. Das nennt man rassistische Kontrollen. Das nennt man Diskriminierung. Es ist an der französischen Bevölkerung, sich zu erheben und zu sagen: Das lassen wir nicht mehr zu.“
El Hacen war 35 Jahre alt, genauso alt wie ich. Er hatte eine Ausbildung als Künstler. Genau wie ich. Er wurde festgenommen, nachdem man ihn beim Drehen eines Joints beobachtet hatte. Genau wie ich. Er stammte aus Mauretanien. Das ist vielleicht unser erster Unterschied, der einen das Leben kosten kann.
„(…) Wir haben das Video analysieren lassen, auf dem er am Boden liegt, man sieht ihn auf dem Boden. Und übrigens danken wir der Person, die das Video gedreht hat. Wir haben den Ton dieses Videos analysieren lassen, und El Hacen sagt: ‘Ihr würgt mich, ihr würgt mich, ihr würgt mich’. Aber sie machten weiter und weiter, und er starb. Die Polizei des 20. Arrondissements kennen wir bereits: Lamine Dieng ist hier gestorben. Aber niemand sollte sterben, nur weil er von woanders kommt. El Hacen kam aus seinem Land und kehrt in einem Sarg zurück. So wird ihn seine Familie empfangen. Das ist die Botschaft, die dieses Land aussendet.“
In der Versammlung ruft ein schwarzer Mann: „WIR HABEN DAS GLEICHE ROTE BLUT“ und übertönt damit die Worte von Assa, der weiterredet:
„Es gibt viele El Hacen in diesem Heim, die sich nicht nach draußen trauen, weil sie Angst haben, dass man sie holen kommt, wenn wir weg sind. Weil sie Angst haben, dass man sie in ein Internierungslager steckt. (…) Was in den Vereinigten Staaten passiert, deutet auf eine enorme Eskalation hier in Frankreich hin, wo die Lage bereits dramatisch ist…“
Zwei Männer lehnen sich aus dem Fenster im ersten Stock. Der Größere hat seinen Arm um die Schultern des Kleineren gelegt, der die Szene weiter filmt. Ein weiterer lehnt sich aus dem Fenster nebenan. Ihn habe ich schon einmal gesehen. Abends sitzt er oft vor dem Wohnheim und unterhält sich mit den Älteren, die nach dem Gebet Mais rösten.
Unten skandieren die Menschen ununterbrochen: „Gerechtigkeit für El Hacen“, als ein Mann das Mikrofon ergreift. „Wir werden uns beruhigen, dies ist ein Moment der Andacht, wir haben Tränen in den Augen“, sagt er. Inmitten der Menge schreit ein alter Mann mit stolzer Stimme: „Wir weinen nicht! Wir weinen nicht! Wir sind wütend!“ Dann schwellen die Rufe an und vermischen sich, Worte der Wut und der Bestürzung vermischen sich, bis der Moderator uns alle auffordert, für eine Schweigeminute den Mund zu halten.
Später am Tag, als ich wieder am Wohnheim vorbeikam, hatte sich die Menschenmenge aufgelöst. Unten auf der Straße patrouillierten drei Motorräder und drei Polizisten. Ich nehme an, dass diejenigen, die El Hacens Blick zum letzten Mal begegnet sind, nicht zu ihnen gehörten. Zumindest hoffe ich das, aber wer weiß?
Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, wie viel ein Polizist an einem Sonntag verdient.
Und wie viel von meinem eigenen Verdienst die Arbeit dieser drei bezahlte. Eine Arbeit, die darin bestand, Männer zu überwachen, die Meere und Grenzen überquert hatten, um hier ihr Brot und das ihrer in der Heimat zurückgebliebenen Familien zu verdienen.

Veröffentlicht am 19. Januar 2026 auf Lundi Matin, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.