
Sergio Fontegher Bologna
Die landesweite Demonstration in Turin für Askatasuna, die zu einem weiteren Moment des Aufschwungs und der allmählichen Zusammenführung hätte führen können, markierte stattdessen einen Stillstand und interne Konflikte. Das ist nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein. In der Regel besteht nach solchen Vorfällen die Gefahr, dass sich die Debatte zuspitzt, während die Reaktion eskaliert, weil sie weitere Verschärfungen durchsetzen kann. Um eine Lähmung zu vermeiden, muss man den Blick heben und sich umsehen.
Erster Punkt: Turin ist ein Epizentrum der italienischen Industriekrise, einer Krise, die heute einen Scheideweg erreicht, ohne dass dies jemand zu bemerken scheint: Das formidable Instrument namens Cassa Integrazione (Kurzarbeit), das es ermöglicht hat, den Wandel Italiens von einem Industrieland zu einem Land der großen Events und der Sklaverei fast unbemerkt zu vollziehen, funktioniert nicht mehr. Wenn eine Fabrik oder ein Unternehmen in der Krise steckt, wird in der Regel über die Arbeitsstunden der CIG verhandelt, dann geht es wieder aufwärts, wobei immer etwas auf der Strecke bleibt. So ist es bisher gelaufen. Heute wird geschlossen, und basta. Und es gibt keine Reaktion seitens der Arbeiter und Gewerkschaften, und selbst wenn es sie gäbe, wäre sie kaum sichtbar.
Aber das ist nicht der Punkt. Das Problem ist, dass eine Kultur, eine Zivilisation des Konflikts zusammen mit dem industriellen Italien verschwindet. Am 31. Januar kam dies ans Licht.
Zweiter Punkt: Turin ist auch ein Zentrum des italienischen Informations- und Verlagswesens. Was bleibt davon übrig? Die Geschichte von La Stampa ist bezeichnend: Die Zeitung war einst eine Macht, verlor dann an Einfluss, blieb aber weiterhin eine Säule der Macht, wurde dann zu einer kleinen Säule und jetzt ist es fast rührend zu sehen, wie die Eigentümer sie hin und her schieben: „Nimm du sie doch!”, „Danke, ich habe kein Interesse”.
Das Turin, das nach Ordnung ruft, ein Turin ohne Klassenunterschiede, sozial vergleichbar mit dem Turin, das in den USA hinter Trump steht, scheint sich darüber nicht zu beklagen. Wenn die Industrie stirbt, kann auch La Stampa in Rente gehen. Die undeutliche Masse, die nach Ordnung verlangt, steht jenseits des Kapitalismus, denn der Kapitalismus sagt, dass es dir besser gehen wird, wenn du dich anstrengst. Diese Menschen wissen, dass es ihnen nie besser gehen wird, ihnen reicht es, wenn die Leute von Askatasuna ins Gefängnis kommen.
Dritter Punkt. Hier spricht die Generalstaatsanwältin des Gerichts von Turin: „Immer mehr Unternehmen greifen auf Mafia-Clans zurück, um Dienstleistungen in den Bereichen Logistik, Sicherheit, Abfallentsorgung und Inkasso zu vergeben“. Schluss mit dem Theater, dass arme Unternehmer von der Mafia erpresst werden. Unternehmen, darunter auch multinationale Konzerne, bitten die Mafia um Hilfe, um ihren Mitarbeitern weniger zu zahlen. Und niemand unternimmt etwas, um dies zu verhindern, am wenigsten die Confindustria.
In diesem Kontext des allgemeinen Niedergangs, der so ähnlich ist wie in vielen anderen italienischen Städten – einige davon sind noch viel schlimmer dran, wie Mailand –, geschieht etwas Neues, etwas, das die erstickende Atmosphäre durchbricht: die übergreifende Bewegung, um die Ermordung des palästinensischen Volkes zu stoppen. Auf den ersten Blick scheint es eine Bewegung zu sein, die in der Lage ist, eine Verbindung zwischen den Generationen der centri sociali herzustellen, Generationen im Plural, denn einige haben mittlerweile graue Haare und andere sind zwanzig Jahre alt.
Der Schwung dieser Bewegung weckt eine Bereitschaft zum Widerstand, die sich gerade in der Verteidigung von Askatasuna manifestiert, die Geschlossenheit derjenigen erschüttert, die Ordnung fordern, diejenigen ansteckt, die sich gegen die Zensur bestimmter Intellektueller wehren, die Besetzungen der Universität wiederbelebt und ein gewisses Interesse für die Lage der Arbeiter und für prekäre Arbeitsverhältnisse weckt. Kurz gesagt, es scheinen viele Dinge an die Oberfläche zu kommen, die letztendlich in der Lage sind, die Karten neu zu mischen, die Luft zu reinigen und die Logik von Piantedosi zu untergraben.Es scheint, als würden wir Zeugen eines äußerst seltenen Phänomens der Neugestaltung, nämlich des spontanen Zusammenkommens vieler Widerstände zu einer einzigen Front, wo friedliches Verhalten ein Zeichen von Stärke und nicht von Angst ist. Friedlich bedeutet nicht wehrlos, wenn man an die Stahlarbeiter von Genua denkt. Zumindest ist dies die Interpretation, die dieser Konfliktkultur eigen ist, die ihre Wurzeln in der sozialistischen und kommunistischen Tradition, in der Arbeiterbewegung der 70er Jahre hat, also in all den Visionen, die einen möglichen Erfolg, einen Sieg im Blick haben und wissen, dass sie diesen nicht durch Übergriffe verspielen dürfen.
Wird all dies durch die Zusammenstöße vom 31. Januar zunichte gemacht?
Meloni ist am nächsten Morgen bereits in Turin. Sie fordert die Staatsanwaltschaft auf, wegen versuchten Mordes zu ermitteln. Die Szene, in der eine Gruppe von Menschen einen Polizisten zu Boden schlägt, der versucht, seinen Kopf vor den Schlägen zu schützen, erinnert an die tausend Male, bei denen wir ähnliche Bilder von Gruppen von Polizisten gesehen haben, die sich auf einzelne Demonstranten stürzen. Vielleicht ist das nicht in ihrem Interesse.
Unter denen, die sich entschlossen hatten, zuerst für Palästina und dann auch für Askatasuna auf die Straße zu gehen, und erst recht unter den sogenannten „antagonisti”, scheint keine Klarheit zu herrschen, da die beiden Konfliktkulturen, die der Neukomposition und die der Intifada als Vorbild, nicht mehr miteinander koexistieren können. Die Form des Konflikts, die Form des Straßenprotestes, entspricht immer einer bestimmten Kultur, und wir können wohl sagen, dass die Intifada weder einen Wachstumsprozess noch Aussichten auf einen Sieg vorsieht. Sie ist ein Zeugnis, ein Schrei der Wut und des Schmerzes. Die importierte Intifada, die aus dem palästinensischen Kontext herausgelöst ist, ist noch mehr einer strategischen Vision beraubt, zumindest einer kurzfristigen. Aber sie ist Teil von Problemen, die revolutionäre Bewegungen seit Jahrzehnten kennen, zumindest seit den 1960er Jahren, man denke nur an die „Theorie der Brandherde” eines gewissen Guevarismus in Bezug auf einen langwierigen Volkskampf.
Aus diesem Grund kann die importierte Intifada nicht einfach als Provokation abgetan werden, auch wenn Provokation Teil des Spiels ist. Es ist etwas, das die Straßenproteste noch lange mit sich tragen werden. Denn trotz des zunehmenden repressiven Drucks werden die Proteste weitergehen. Aus dem einfachen Grund, dass dieses Land wie die Häuser von Niscemi in den Abgrund rutscht. Und die Regierung Meloni ist nicht in der Lage, die Krise zu stoppen, selbst wenn sie es wollte, weil die Kräfte, die dahinter stehen, übermächtig sind, nämlich die Kräfte der Hochfinanz. Sie sind nur in der Lage, Sicherheitsdekrete zu erlassen.
Veröffentlicht am 3. Februar 2026 auf Officina Primo Maggio, ins Deutsche übertragen von Bonustracks. Sergio Fontegher Bologna ist einer der wenigen noch lebenden intellektuellen Köpfe der italienischen autonomia, Bonustracks hat schon wiederholt Texte von ihm übersetzt.