
Shahram Khosravi
I.
„Wie sind wir in dieser Hölle gelandet?“ ist die Frage, die jeder Iraner stellt, den ich kenne. Während ich diese Zeilen schreibe, am fünften Tag der Invasion des Iran durch die USA und Israel, bin ich mir nicht mehr sicher, was von dem Land übrig geblieben ist, in dem ich aufgewachsen bin.
Wochen zuvor, als ich mit Freunden und Verwandten im Iran sprach, war ich fassungslos, als einige den Wunsch nach Krieg äußerten, als einzigen verbleibenden Weg, das Regime zu Fall zu bringen. Besonders schockierend war es, dies von ein paar Freunden aus meinem eigenen Dorf zu hören – Menschen, die darum kämpfen, Essen auf den Tisch zu bringen, deren Kinder in ungeheizten Klassenzimmern sitzen, die zwanzig Kilometer fahren müssen, nur um eine Krankenschwester aufzusuchen.
Als Hamid, ein Freund aus Kindertagen, der als junger Soldat im Iran-Irak-Krieg einen Fuß verloren hatte, mir sagte, er wolle die Islamische Republik um jeden Preis loswerden, selbst wenn das einen weiteren Krieg bedeuten würde, verspürte ich eine tiefere Angst.
Mehr noch als die Gefahr eines herannahenden Krieges erschreckte mich die Leere, die ich empfand. Ich war erschüttert davon, dass anhaltende Entbehrung und organisierte Vernachlässigung die Menschen an einen Punkt getrieben hatten, an dem ein Krieg wie eine Erlösung erscheinen konnte.
Hamid weiß genau, was Krieg ist. Er hat ihn durchlebt. Dass es ihm mittlerweile egal ist, ob ein weiterer ausbricht, zeigt, wie sehr die Menschen in einen postapokalyptischen Zustand getrieben wurden, in dem selbst Bomben nicht mehr als Gewalt empfunden werden.
Das Wort, mit dem viele Menschen im Iran diesen Zustand beschreiben, ist „estisal“ – ein Zustand der Hilflosigkeit, der Verzweiflung, des Gefangenseins in einem Problem, für das es keine vorstellbare Lösung gibt.
Die Islamische Republik regiert den Iran seit siebenundvierzig Jahren. Fast ein halbes Jahrhundert anhaltender politischer Unterdrückung hat nicht nur das öffentliche Leben entstellt; es hat die Fähigkeit zu politischem Handeln, das auf Visionen und Weltgestaltung gründet, untergraben. In diesen Jahrzehnten ist jeder Versuch einer Reform oder Öffnung gescheitert. Wiederholte Niederlagen haben zu einer verarmten Form politischen Verhaltens geführt – reaktiv statt konstruktiv, fragmentiert statt kollektiv, mehr von Erschöpfung als von Strategie getrieben.
Wenn die Hoffnung auf politischen Wandel schwindet, drängen andere Kräfte heran, um die Lücke zu füllen. Götter, Ideologien und Heilsphantasien ersetzen politisches Denken und Handeln.
Wenn die Gegenwart abwesend erscheint und die Zukunft gestohlen wirkt, zieht sich das politische Engagement aus der Öffentlichkeit zurück und wendet sich nach innen. Es bricht als private Empörung hervor, als Entladung von Wut, als Ausdruck von Hass. Solche Äußerungen mögen emotionale Erleichterung verschaffen, aber sie schaffen keine gemeinsame Welt.
Zersplitterung und Konflikte haben auch die Netzwerke der Diaspora und die politischen Praktiken neu geprägt. Freundschaften sind zerbrochen. Familien stehen unter dem Druck von Spannungen, die Generationen und politische Lager überspannen. Anstatt dauerhafte Bündnisse zu schmieden, haben sich die oppositionellen Kräfte in rivalisierende Fraktionen aufgespalten, von denen jede für sich moralische oder strategische Überlegenheit beansprucht.
Dieses Fehlen einer koordinierten politischen Organisation hat Raum für das Wiederauftauchen der Monarchie als plausible Alternative geschaffen.
In „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ argumentiert Marx, dass Louis Bonapartes autoritäre Machtübernahme im Staatsstreich von 1851 nicht durch seine eigene Stärke, sondern durch die Zersplitterung, die Rivalitäten und die politische Unreife der republikanischen Kräfte ermöglicht wurde. Ihre Spaltungen ebneten den Weg für eine Persönlichkeit, die sich als einigender Retter und einzige Alternative präsentieren konnte.
Die historische Parallele ist beunruhigend. Der selbsternannte Schah, der Israels Unterstützung genießt, wird wie Louis Bonaparte nicht durch außergewöhnliche Fähigkeiten, sondern durch die Umstände emporgehoben. Marx beschrieb Bonaparte als einen Mittelmäßigen und eine Karikatur, die durch das Versagen seiner Gegner an die Macht gelangte. Die Gefahr liegt heute weniger in der Wiederherstellung der Monarchie als in dem durch die Zersplitterung entstandenen Vakuum, einem Vakuum, in dem sich selbst zweitrangige Figuren wie „der Sohn des Schahs“ (was an Marx’ Beschreibung von Louis Bonaparte lediglich als „Neffe“ Napoleons erinnert) als Schicksal präsentieren können.
II.
Während meiner Feldforschung im Iran vor einem Jahrzehnt hörte ich oft folgenden Witz: „Seit der Revolution kennt das Persische vier Zeitformen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und die Zeit des Schahs.“
„Die Zeit des Schahs“ bezieht sich auf eine nostalgische, imaginäre Ära vor der Revolution – insbesondere die späten 1960er und 1970er Jahre, eine Zeit, die mit finanzieller Sicherheit, Globalisierung und einer scheinbar vielversprechenden Zukunft verbunden ist. Für viele junge Menschen erscheint sie als eine Zeit der Freude, in der das Leben als real imaginiert wird.
Das Wiederaufleben monarchistischer Stimmungen unter einigen Iranern entspringt diesem Zustand zeitlicher Entwurzelung – diesem Gefühl, aus der Geschichte verstoßen worden zu sein. Wenn sich die Gegenwart leer anfühlt und die Zukunft verschlossen ist, wird die Vergangenheit auf neue Weise politisch zugänglich. Die Monarchie erscheint nicht einfach als politische Alternative, sondern als zeitlicher Zufluchtsort: als Versprechen wiederhergestellter Kontinuität, der Rückkehr auf einen historischen Kurs, der als unterbrochen wahrgenommen wird.
Das einzig vorstellbare Leben scheint außerhalb der gewöhnlichen Zeitlichkeit zu existieren – entweder in einer durch einen Bruch herbeigeführten erlösten Zukunft oder in einer durch Wiederherstellung zurückgewonnenen idealisierten Vergangenheit. Gefangen zwischen der Hoffnung auf Rettung in einem fernen Morgen und der Freude an einem rekonstruierten Gestern verlieren viele junge Menschen den Bezug zur Gegenwart als Ort der Handlungsfähigkeit.
Politische Unterdrückung allein reicht nicht aus, um diesen postapokalyptischen Zustand zu erklären. Auch die harten und weitreichenden, von den USA angeführten Sanktionen haben eine entscheidende Rolle gespielt. Die Sanktionen haben nicht nur das materielle Leben zerstört, sondern auch die zeitliche Erfahrung neu geprägt. Die gelebte Realität der Sanktionen ist geprägt von Stillstand und Auslöschung – vergangene Errungenschaften geraten aus dem globalen Bewusstsein, und zukünftige Möglichkeiten werden systematisch blockiert.
Mitte Dezember 2024 bemerkte Abbas Akhoundi, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Teheran: „Der Iran ist aus der Geschichte gefallen.“ Er bezog sich dabei auf Jahrzehnte internationaler Isolation, die durch Sanktionen hervorgerufen wurde – eine Isolation, die das Land von globalen geopolitischen Entwicklungen, wirtschaftlichen Initiativen, kulturellem Austausch und akademischen Netzwerken abgeschnitten hat. Diese Entkopplung ist in allen sozialen Schichten zu spüren und zeigt sich im Alltag: in Reisebeschränkungen, blockierten Finanztransaktionen, unzugänglichen Forschungskooperationen, fehlenden Medikamenten und stagnierender Entwicklung.
Aus der Geschichte herauszufallen bedeutet nicht nur, von Ereignissen ausgeschlossen zu sein; es bedeutet, das Gefühl zu verlieren, dass das eigene Handeln eine gemeinsame Zukunft gestalten kann. Unter solchen Umständen verkümmert die Politik, Nostalgie breitet sich aus, und der Krieg selbst erscheint allmählich als gewaltsame Form der Rückkehr in die Geschichte.
III.
Hamids Hoffnungslosigkeit reicht Jahrzehnte zurück, hat sich jedoch während der brutalen Niederschlagung der Proteste im Januar und Februar 2026 noch verstärkt. Die Demonstrationen begannen auf dem Basar von Teheran, zunächst angeheizt durch die Wut über die Finanzkrise, den Zusammenbruch der Landeswährung und die explodierenden Preise. Was als wirtschaftlich motivierte Proteste begann, weitete sich schnell zu einer landesweiten Bewegung aus, die das Ende der Islamischen Republik forderte.
Hamid schloss sich den Protesten an. Er wurde von der Polizei geschlagen. Mit seiner Fußprothese in der Hand wurde er in einen Polizeiwagen gestoßen und in eine Haftanstalt gebracht, wo er mehrere Tage festgehalten wurde. Als er die Prothese hochhielt und sagte: „Ich habe mich für diese Revolution geopfert“, antwortete ein junger Offizier, geboren nach 1979: „Das ist uns egal.“
Hamid gehörte einst einer Generation an, die als moralisches Rückgrat und Zukunft der Nation gefeiert wurde. Nun steht er im Stich gelassen von eben jenem Staat, für den er Opfer gebracht hat, ein Bürger ohne Anerkennung und ohne Zukunft.
Eines der zentralen Versprechen der Revolution von 1979 war soziale Gerechtigkeit für die Armen. Der offizielle Diskurs hob die Mahroum (die Entrechteten) und die Mostaz’af (die Entbehrenden) hervor: Menschen, die als durch das auf die Großstädte konzentrierte Modernisierungsprojekt des Schahs an den Rand gedrängt dargestellt wurden. Man stellte sie sich als ungelernte Arbeiter, Kleinbauern und Nomaden vor – als die sozial Ausgegrenzten, die nun das Fundament einer gerechten islamischen Ordnung bilden würden.
Diese moralische Ökonomie begann sich nach dem Tod von Ayatollah Khomeini und dem Ende des Iran-Irak-Kriegs zu wandeln. Während der Präsidentschaft von Hashemi Rafsanjani (1989–1997) wich die ideologische Mobilisierung einem wirtschaftlichen Pragmatismus. Unter dem Motto der „Ära des Wiederaufbaus“ verfolgte der Staat eine Politik der Privatisierung, Deregulierung und Subventionskürzung. Der kollektive Arbeitsschutz wurde geschwächt. Die Arbeitsplatzsicherheit schwand. Inflation und Arbeitslosigkeit stiegen sprunghaft an.
Allmählich wurde der revolutionäre Wohlfahrtsstaat der 1980er Jahre durch einen postsozialen Staat ersetzt, der sich stärker an Marktlogiken als an Umverteilung orientierte. Chronische Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, gepaart mit dem Abbau sozialer Leistungen, führten zu neuen Formen der Marginalisierung. Internationale Sanktionen verschlechterten die Binnenwirtschaft weiter und verschärften die Prekarität in allen sozialen Schichten.
Wie bei neoliberalen Umbrüchen anderswo wurde Armut im Iran zunehmend individualisiert. Strukturelle Ungleichheiten werden als persönliches Versagen umgedeutet. Von den Bürgern wird erwartet, dass sie systemische Barrieren durch Ausdauer, Risikobereitschaft, Selbstdisziplin und unternehmerische Initiative überwinden. Aus diesem Wandel entstand ein neues Idealbild von Männlichkeit.
Die heroische Figur des Armen ist vom unternehmerisch Erfolgreichen verdrängt worden. Der glorifizierte „Mostaz’af“ der 1980er Jahre ist dem gefeierten „Moafaq“ – dem „Erfolgreichen“ – gewichen. Wo von den Bürgern einst erwartet wurde, ihr Leben für die Revolution zu opfern, wird von ihnen heute erwartet, finanziellen Erfolg vorzuweisen. Der offizielle Diskurs preist den selbst emporgearbeiteten, produktiven und aufstiegsorientierten Bürger als normatives Ideal.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich in den iranischen Städten immer mehr Luxus-Einkaufszentren angesiedelt und das Stadtbild verändert. Der Konsumismus hat den Alltag in ein Spektakel der Ungleichheit verwandelt. Die Zurschaustellung von Reichtum steht in krassem Gegensatz zur weit verbreiteten wirtschaftlichen Not.
Sanktionen und politische Unterdrückung haben nicht nur die Wirtschaft geschwächt; sie haben institutionalisierte Korruption begünstigt und die Polarisierung der Klassen verschärft. Das Versprechen von Gerechtigkeit, das einst die Revolution begründete, ist einem System gewichen, in dem Ausgrenzung zur Normalität geworden ist und Ungleichheit öffentlich zur Schau gestellt wird.
IV.
Am Ende des fünften Kriegstages gegen den Iran zeigten die Nachrichten ein Bild der totalen Verwüstung: Leichen über Leichen, zerstörte Stadtviertel, die Zerstörung der industriellen Infrastruktur des Landes.
Doch ein postapokalyptischer Zustand definiert sich nicht allein durch materielle Verwüstung. Er ist geprägt von einem existenziellen Bruch. Für Hamid und viele andere wie ihn ist die Welt, die einst Sinn stiftete, auseinandergebrochen. Was Opferbereitschaft, Ausdauer und Zugehörigkeit zusammenhielt, ist zusammengebrochen. Wenn die Gegenwart unerträglich und die Zukunft unvorstellbar wird, entfaltet sich die Zeit nicht mehr als Möglichkeit. Sie erscheint stattdessen als Wiederholung oder Katastrophe. In diesem Sinne bedeutet, außerhalb der Geschichte zu stehen, in einer postapokalyptischen Zeitlichkeit zu leben.
Den Iranern wurde – sowohl durch die Islamische Republik als auch durch US-Sanktionen – die Möglichkeit genommen, eine denkbare Geschichte zu leben: die Fähigkeit, ihre Vergangenheit zu erzählen und ihre Zukunft nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Politische Unterdrückung schränkt den inneren Wandel ein; Sanktionen verhindern die Integration nach außen. Zusammen schränken sie die historische Handlungsfähigkeit ein.
Ein postapokalyptischer Zustand ist jedoch nicht allein durch materielle Zerstörung gekennzeichnet. Er kann auch in einem anderen Sinne ein Ort des Bruchs sein: ein Brennpunkt, an dem die Kontinuität der Herrschaft ins Wanken gerät. Gerade in Zeiten der Katastrophe entstehen kritische Momente; Momente der Öffnung und des Wandels. Die Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“ von 2022 und die Proteste marginalisierter Communities im Jahr 2026 zeugen davon. Selbst in einem postapokalyptischen Zustand ist die Geschichte noch nicht vorbei. Noch nicht.
Veröffentlicht am 6. März 2026 auf dem Blog von Verso Books, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.