
n+1
Die Videokonferenz am Dienstagabend begann mit einer Auseinandersetzung mit den jüngsten Nachrichten aus Deutschland.
Wir haben uns dabei auf zwei Texte gestützt: die Juli-Ausgabe von Limes („Vogliamo la guerra totale? / Wollen wir den totalen Krieg?“), die fast ausschließlich der deutschen Frage gewidmet ist, und das Vorwort unseres Heftes aus dem Jahr 1999 mit dem Titel „Vae victis Germania!“.
Der Leitartikel von Limes, („Professione: tedesco / Beruf: Deutscher“), löst die Logik der deutschen Wiederaufrüstung von ihren materiellen, wirtschaftlichen und sozialen Ursachen und führt sie auf den Geist eines)Volkes zurück, das sich in einer Identitätskrise befindet. Im Gegensatz dazu sind für uns nicht Ideen, sondern Fakten der Maßstab, zum Beispiel jene zur Stahlproduktion. Im historischen Abriss „Seine Majestät der Stahl“ (1950) lesen wir:
„Der Krieg im kapitalistischen Zeitalter, also die grausamste Form des Krieges, ist die Krise, die unvermeidlich aus der Notwendigkeit entsteht, den produzierten Stahl zu verbrauchen, und aus der Notwendigkeit, um das Monopolrecht zur Produktion von weiterem Stahl zu kämpfen.“
Auch wenn nicht gesagt ist, dass „Stahl nach wie vor der aussagekräftige Indikator für die kapitalistische Produktionsweise ist, der für den Vergleich der industriellen Entwicklung zwischen den verschiedenen Ländern nützlich ist“, bleibt er dennoch ein bedeutender Indikator.
Mehr als 73 % des weltweiten Stahls werden in Asien produziert. China ist mit Abstand der größte Produzent: Im Jahr 2022 wurden dort über 1.013 Millionen Tonnen hergestellt, was 54 % der weltweiten Produktion entspricht.
Im Kapitalismus ist Krieg die Fortsetzung von Politik und Ökonomie mit anderen Mitteln. Selbst die pazifistischste Bourgeoisie kann sich bestimmten Zwängen nicht entziehen, wie etwa dem Streben nach neuen Märkten und neuen Absatzmöglichkeiten für die Verwertung des Kapitals. In einer Phase der allgemeinen Übersättigung der gegenwärtigen Produktionsweise, die durch den Rückgang der Profitrate gekennzeichnet ist, treibt der Wettbewerb zwischen den Kapitalen die Suche nach neuen Investitions- und Expansionsgebieten voran. Deutschland und die Ukraine haben kürzlich Abkommen über die Produktion von Drohnen unterzeichnet, die von Kiew im Krieg gegen Russland eingesetzt werden. Seit Jahren unterstützen die europäischen Länder die ukrainische Wirtschaft durch die Vergabe von Krediten und die Lieferung von Waffen.
Im April 2026 veröffentlichte das deutsche Verteidigungsministerium ein militärstrategisches Dokument mit dem Titel „Verantwortung für Europa“ (pdf), das durch die zunehmende Unsicherheit aufgrund der Ausweitung von Krisen und Konflikten, insbesondere in den Nachbarländern, motiviert war. Der Strategieplan hat nicht nur zum Ziel, Deutschland zur bedeutendsten konventionellen Streitmacht Europas zu machen, sondern auch seine Rolle als führende Kraft auf dem Kontinent auszubauen. Nach einer ersten Phase (2026–2029), die auf den raschen Ausbau der Verteidigungsfähigkeiten und die Konsolidierung der bestehenden Streitkräfte ausgerichtet ist, ist in der zweiten Phase (bis 2035) ein erheblicher militärischer Ausbau in allen Bereichen vorgesehen, um eine zentrale Rolle in Europa einzunehmen. Die dritte Phase, die bis 2039 abgeschlossen sein soll, sieht das Erreichen technologischer Überlegenheit vor. Es geht um Investitionen in Höhe von 355 Milliarden Euro, die über einen Zeitraum von 15 Jahren verteilt werden sollen.
Im Vorwort zu „Vae victis Germania!“ wird die Geschichte Deutschlands nachgezeichnet, ausgehend von der Analyse einer Schrift von Engels aus dem Jahr 1877 mit dem Titel „Was Europa erwartet“ (aus „Kann Europa abrüsten, hier als Hörbuch d.Ü.) . Der Text beleuchtet die Auswirkungen historischer Demütigungen auf das militärische Verhalten der deutschen Nation und ihrer Armee. Die Niederlage und die Demütigung waren heilsame Träger einer unmittelbaren Lehre, doch Deutschland gelang es nicht, diese Erfahrung in ein dauerhaftes Erbe umzuwandeln. Die Militärdoktrin hatte zwar die materiellen Ursachen der Niederlage erfasst, konnte jedoch weder die deutsche Gesellschaft noch die Armee beeinflussen.
Heute strebt Deutschland den Aufbau einer Streitmacht von 460.000 Mann an, davon 200.000 Reservisten. Ein Vorhaben dieser Größenordnung erfordert eine innere Revolution auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Doch in dieser von Krieg geprägten Welt, die mit sozialem Chaos zu kämpfen hat, gibt es einen dritten Störfaktor, der alle Pläne der Bourgeoisie zunichte machen kann: das Proletariat, die Armee derer ohne Reserven, die überall wächst und in dieser Gesellschaft nichts zu verlieren hat.
Die deutsche Industrie, einschließlich des Rüstungssektors, ist der amerikanischen nachrangig und sucht nach Möglichkeiten zur Autonomie. Die Tschechische Republik, Rumänien, die baltischen Staaten und die Niederlande fallen in den deutschen Einflussbereich. Die Bundeswehr hat formelle bilaterale Beziehungen zu den Streitkräften Österreichs, Norwegens, Schwedens und Estlands aufgebaut. Deutschland, das bisher am Rande des von den USA dominierten Blocks stand, strebt danach, zum Zentrum Europas zu werden, und versucht, seine Schwäche in Stärke zu verwandeln, d. h. die durch die russische Offensive in der Ukraine und den „Rückzug“ der USA aus der NATO bedingte europäische Unsicherheit zu seinem Vorteil zu nutzen. Unter Androhung des eigenen Niedergangs ist Deutschland gezwungen, aktiv zu werden, was überall Gegenreaktionen hervorruft.
Die deutsche Automobilindustrie ist durch die chinesische Konkurrenz bedroht: Die drei Automobilgiganten BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen haben im Vergleich zum Vorjahr ein Fünftel ihres Absatzvolumens eingebüßt. Der „Corriere della Sera“ schlägt Alarm: Im Laufe des Jahres 2026 könnte China bis zu 10 Millionen Autos exportieren, mehr als doppelt so viel wie Japan (4 Millionen) und Deutschland (3,2 Millionen). Allein im Juni verzeichnete Peking einen Anstieg der Fahrzeugausfuhren um 71 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum, mit einem Handelsüberschuss von 126 Milliarden Dollar.
Die Welt ist klein, es gibt nicht genug Platz für alle. Die Umstellung der deutschen Industrie auf Rüstungsproduktion ist daher keine konjunkturelle politische Option, sondern eine automatische Reaktion des Systems („Vulcano della produzione o palude del mercato?„/ „Produktionsvulkan oder Marktsumpf?“, 1954), ebenso wie die amerikanischen Zölle.
Berlin muss feststellen, dass es nicht mehr die Lokomotive Europas und auch nicht mehr der große Exporteur von Automobilen (und Maschinensystemen) ist, und muss sich nun mit den großen chinesischen Marken auseinandersetzen, die wettbewerbsfähigere Preise bieten. Volkswagen hat die Schließung mehrerer Werke in Deutschland und die Entlassung von 50.000 Mitarbeitern angekündigt (einige Quellen gehen von bis zu 100.000 Entlassungen aus). Das deutsche Industriesystem hatte sich an der Automobilproduktion orientiert. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Produktion über ein dichtes Netz von Zulieferern und Unterzulieferern auf das gesamte Terrain verteilt, denen die spezialisierte Fertigung einzelner Komponenten anvertraut wurde. In dieses Produktionsökosystem ist auch ein Teil der Industriestruktur Norditaliens eingebunden.
In den Arbeiten zur faschistischen Sozialisierung (n+1, Nr. 47) haben wir gesehen, wie der Volkswagen (wörtlich: Auto des Volkes) das Vorbild war, das mit seiner Verwirklichung zur Transformation Deutschlands beitrug und zum Bau von Autobahnen und Brücken sowie zur Modernisierung des Landes führte, auch aus geopolitischer Sicht. Die vom großen Automobilkonzern angekündigten Entlassungen stehen für die Krise eines politischen und sozialen Modells.
Der Versuch, die Automobilindustrie umzustrukturieren, ist nicht so einfach: Der Ausbau der Rüstungsindustrie setzt den Einsatz automatisierter Produktionssysteme voraus. Zudem geht die industrielle und wirtschaftliche Krise mit einer politischen Krise einher. Die populistische Partei AfD liegt laut Umfragen bei rund 30 % der Stimmen; in ihren Reihen gibt es pro-russische Kräfte. Die Aussicht auf einen neuen korporativen Pakt durch die rasche Militarisierung von Industrie und Gesellschaft erscheint schwer umsetzbar, auch weil die jüngeren Generationen es nicht ohne Weiteres hinnehmen, in die Pflicht genommen zu werden. Die zersetzenden Kräfte kommen von außen, aber auch aus dem Inneren des Systems.
In den kommenden Jahren könnten sich in Deutschland katastrophale Spiralen entwickeln, die durch steigende Arbeitslosigkeit, den Aufstieg populistischer Parteien wie der AfD, eine Rezession und das mögliche Platzen einer Finanzblase ausgelöst werden. Diese Kombination von Faktoren könnte das deutsche Proletariat – eines der am besten organisierten – in Bewegung setzen, das die „Fabrikdisziplin“ für andere Zwecke als die Kapitalverwertung nutzen könnte.
Von der Nahost-Front erreichen uns weitere Anzeichen, die das Bild allgemeiner Instabilität zwischen sozialem Chaos und Krieg bestätigen. Die Absichtserklärung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran vom 17. Juni hat sich als wirkungslos erwiesen. Die amerikanischen Bombardements wurden wieder aufgenommen, und mit ihnen die Blockade der Straße von Hormus. Die Feindseligkeiten zwischen den beiden Ländern scheinen ausweglos zu sein. Auch Israel befindet sich in einer Sackgasse: Tel Aviv hat, wie Lucio Caracciolo hervorhebt, nicht nur sieben offene Kriegsfronten, sondern auch eine achte im eigenen Land. Die ultraorthodoxen Juden erkennen den Staat Israel nicht an und weigern sich, in die Armee einzutreten; hinzu kommen 20 % der israelischen Bevölkerung arabischer Herkunft, die vom Militärdienst befreit sind. Dazu kommen die „Refuseniks“, junge Israelis, die den Krieg aus politischen, ethischen oder moralischen Gründen ablehnen. Tausende israelische Reservisten sind seit drei Jahren an der Front im Einsatz, gehen keiner Arbeit nach, und die Wirtschaft leidet darunter. Nach dem Iran stellt die Türkei den neuen existenziellen Feind Israels dar, da sie in Syrien vordringt, einem Land, das an den jüdischen Staat grenzt. Das Problem ist, dass die Türkei nach den Vereinigten Staaten über die zweitstärkste Armee der NATO verfügt.
Veröffentlicht am 21. Juli 2026 auf Quinterna Lab, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.