Tausende fordern in Bologna „Gerechtigkeit und Wahrheit für Fakir“. Die Antwort darauf sind Tränengas und Wasserwerfer

Redaktion Contropiano in Bologna

Tausende Menschen füllten gestern Nachmittag die Piazza del Nettuno in Bologna, um Wahrheit und Gerechtigkeit für Fakir zu fordern, den 43-jährigen Mann, der während eines Polizeieinsatzes im Pilastro, dem bekanntesten und kämpferischsten Arbeiterviertel Bolognas, ums Leben kam.

Den Anblick des großen, mit Menschen gefüllten Platzes, die gegen einen weiteren Todesfall durch die Polizei protestierten, dürften die Präfektur und die Polizeidirektion wohl kaum geschätzt haben, denn sie entschieden sich sofort für eine harte Linie bei der Bewältigung der Lage auf dem Platz. Anders lässt sich der Regen aus Tränengas nicht erklären, der von der Via Bassi bis zum Sacrario dei Partigiani auf die Demonstranten niederprasselte.

Die Parolen – besonders häufig wurde „Mörder“ skandiert – prangerten nicht nur den Tod von Fakir an, sondern auch den strafrechtlichen Schutz, der den Polizeibeamten durch das neue Sicherheitsgesetz Straffreiheit garantiert.

Nach den Reden, in denen die Geschehnisse angeprangert wurden – besonders bewegend war die der jungen Nichte von Fakir –, setzte sich auf dem Platz ein Demonstrationszug mit Tausenden von Menschen in Richtung der Präfektur auf der Piazza Roosevelt in Bewegung.

Es gab lediglich einen kurzen Anflug von Rangeleien mit der Polizeisperre, die die Präfektur absicherte, doch schon bald folgte eine heftige Salve von Tränengas und Wasserwerfern. Aus einigen Videos lässt sich ableiten, dass einige Tränengasgranaten auch von oben abgefeuert wurden und sogar das Partisanen-Denkmal auf der Piazza Nettuno erreichten. Die Demonstranten wichen nicht zurück und hielten den Platz bis spät in den Abend hinein mit großer Entschlossenheit besetzt.

Manche sprachen davon, dass Pilastro wie die französischen Banlieues werden könnte, doch in Bologna gelang es der Wut und der Forderung nach Gerechtigkeit für Fakir hingegen, das Stadtzentrum zu besetzen und nicht nur dessen Randgebiete.

USB Logistica bekundete ihre uneingeschränkte Solidarität und Verbundenheit mit den Angehörigen von Abderrahim Fakir und rief gestern zu einem zweistündigen Streik in ganz Italien, in jedem Lager, auf, das heute und in den nächsten Tagen stattfinden soll, um Solidarität mit unserem Bruder zu bekunden und das Thema der Sicherheitsverordnungen wieder an die Arbeitsplätze zu bringen.

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Die Erklärung von „Potere al Popolo“ aus Bologna zur Demonstration

Tränengas und Wasserwerfer gegen Wahrheit und Gerechtigkeit für Fakir – Die Straße hat das Schweigen gebrochen, nun muss das Schweigen der Institutionen zum „Schutzschild“ für die Verdächtigen und zum Umgang mit der öffentlichen Ordnung gebrochen werden.

Die Straße, die Wahrheit und Gerechtigkeit für Fakir forderte, durfte nicht zu dem unbeholfenen, stillen Platz werden, den die Lepore-Regierung forderte.

Das Schweigen war notwendig für eine Stadtregierung, die die Entscheidung auf dem Gewissen hat, die öffentliche Ordnung gemeinsam mit Minister Piantedosi zu regeln. Und das Schweigen musste gebrochen werden angesichts all der Solidarität und der berechtigten Wut, die in Bologna gegen eine offensichtliche Ungerechtigkeit aufkommt, die durch die erstmalige Anwendung des „Schutzschilds“ zugunsten der unter Verdacht stehenden Polizisten noch verschärft wird.

Deshalb sagen wir es ganz klar: Auch die öffentlichen Institutionen dieser Stadt müssen ihr Schweigen brechen und deutlich machen, dass dieses “Schutzschild” nicht akzeptabel ist – es ist nicht der richtige Zeitpunkt, sich hinter Formalitäten zu verstecken.

Der Demonstrationszug wurde vor der Präfektur gestoppt und schließlich mit den mittlerweile für die Vorgehensweise unter Piantedosi typischen Mitteln aufgelöst: wahllos eingesetzte Tränengasgranaten und Wasserwerfer, obwohl sich in den vorderen Reihen sogar Kinder befanden.

Auch in dieser Hinsicht denken wir, dass es Zeit ist, mit den Formalitäten Schluss zu machen: Wurde der Bürgermeister dieser Stadt zum x-ten Mal vom Ministerium übergangen oder hat er nachgegeben?

Während wir diese Zeilen schreiben, findet am Umschlagplatz – in dem Logistikbereich, in dem Fakir arbeitete – ein Streik als Reaktion auf den Mord statt, und sicherlich wird es weiterhin notwendig sein, die Mobilisierung an der Seite der Familie fortzusetzen, um die Instrumentalisierung des Pilastro zurückzuweisen. Bologna hat eine langjährige Schuld gegenüber dem Pilastro, und die Ermordung von Fakir verlängert diese Liste. Diese Schuld lässt sich nicht mit Rhetorik begleichen, sie kann nur beglichen werden, indem den Arbeitervierteln wieder Würde, öffentliche Dienstleistungen und Frieden zurückgegeben werden: Wahre Sicherheit ist soziale Sicherheit!

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Die Forderung nach Gerechtigkeit für Fakir verärgert eine Polizeigewerkschaft

Im Folgenden ein bezeichnender Auszug aus der Erklärung der Coisp, einer der Polizeigewerkschaften. Wehe dem, der Gerechtigkeit fordert:

„Was derzeit in Bologna geschieht, ist die direkte und vorhersehbare Folge der politischen Verantwortungslosigkeit derer, die das Misstrauen gegenüber den Ordnungskräften schüren. Bürgermeister Lepore hat, indem er spontan und noch bevor die Justiz ihre Arbeit verrichten kann, zu einer Kundgebung ‚für Wahrheit und Gerechtigkeit‘ aufgerufen, faktisch den Weg für den Hass der oppositionellen Szene geebnet.

Von ‚Gerechtigkeit‘ zu sprechen, als würde jemand die Tatsachen vertuschen, ist eine schwerwiegende Unterstellung, die das Feuer der Vorurteile gegen die Polizei weiter anfachen. Das Ergebnis ist für alle sichtbar: Demonstranten, die Polizisten als ‚Mörder‘ beschimpfen, Knallkörper werfen, gepanzerte Fahrzeuge angehen und die Beamten zwingen, sich zu verteidigen.

Um diese durch die Worte des Bürgermeisters aufgehetzte Menschenmenge in den Griff zu bekommen, war der Staat gezwungen, eilig die Bereitschaftspolizei aus Padua, Florenz und Rom zu mobilisieren, was mit Kosten in Höhe von Hunderttausenden Euro verbunden war (…)“

Was für ein Scheiß!

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Der Fall von Abderrahim Fakir wurde auch in der New York Times thematisiert, die insbesondere die Parallelen zum Fall von George Floyd hervorhob, der 2020 von einem Polizisten in Minneapolis getötet wurde, während er am Boden festgehalten wurde.  Der Artikel berichtete über die Proteste in Bologna, „wo Hunderte von Menschen demonstrierten, von denen einige marokkanische Flaggen schwenkten und ein Transparent entrollten, auf dem ‚Polizeigewalt und Rassismus‘ angeprangert wurden“.

Erschienen am 21.Juli 2026 auf Contropiano, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.

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