Kampf der Kulturen oder innerhalb der Zivilisation?

Gigi Roggero

Wenn du denkst, dieses Universum sei hässlich, solltest du die anderen sehen.

Philip K. Dick

Die Jagd auf Schwarze in Taranto, das Auto, das in Modena in Passanten gerast ist, die Schüsse im islamischen Zentrum in San Diego. Vor allem aber alles, was davor war und leider auch danach kommen wird. Zur rassistischen Genealogie der Gegenwart verweisen wir auf den Artikel von Anna Curcio: Ohne diesen Kompass laufen wir Gefahr, uns in den schrecklichen Zweideutigkeiten dessen zu verlieren, was um uns herum geschieht.
Das beunruhigende Thema, das wir hier näher beleuchten wollen, ist, dass der von Samuel Huntington in den 1990er Jahren prophezeite Kampf der Kulturen keine Bedrohung mehr darstellt: Er ist zum Alltag geworden. Am Tag nach dem Rausch, den der Fall der Berliner Mauer ausgelöst hatte, warnte der amerikanische Politologe, der bereits als führender Theoretiker der Trilateralen Kommission galt, seine Mitstreiter: Es sei sinnlos, sich bei den Feierlichkeiten zum „Ende der Geschichte“ zu brüsten, denn was den triumphierenden Kapitalismus erwarte, sei eine Welt, die von den Vereinigten Staaten und dem Westen im Allgemeinen nicht mehr regierbar sei. Der Sieg im Kalten Krieg, so argumentiert der weitsichtige Konservative, drohe sich in einen Pyrrhussieg zu verwandeln, denn die Explosion der sozialistischen Welt setze „kulturelle Identitäten“ frei, die dem westlichen Modell entgegenstehen und zum Kampf der Kulturen führen würden, insbesondere mit dem Islam und China, während auf lokaler Ebene Stammeskriege und Konflikte zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen vorherrschen würden. Darauf müsse man sich vorbereiten, schlussfolgert Huntington.

Am vergangenen Montag schrieb Giulio Meotti in der Zeitung „Il Foglio“ im Zusammenhang mit dem Attentäter von Modena von einem Prozess der „Entzivilisierung“, der sich deutlich in „hybriden Profilen entwurzelter Jugendlicher, geprägt von persönlichen und psychischen Misserfolgen“, widerspiegelt, die sich „von einer weit verbreiteten Vorstellungswelt, einem Gefühl der Entfremdung und der Wahrnehmung eines Gegensatzes zwischen ‚uns‘ und einem als feindlich empfundenen Westen nähren (‚Ich lebe in einem Land der Rassisten‘, sagte Salim El Koudri zu den Ermittlern)“. Eine Vorstellungswelt, die im Auto und im Messer leicht nachahmbare Waffen findet, um den Kampf der Kulturen in unseren Metropolen zu führen. Die Frage ist also nicht, ob eine explizite Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation vorliegt, denn es ist die Lebensform dieser Personen selbst, die mit der westlichen Zivilisation unvereinbar ist.

Wenn wir uns auf die Bestandsaufnahme des Bestehenden beschränken, könnte man sagen, dass Meotti aus seiner Sicht Recht hat. Das Problem ist jedoch, um es mit Brecht zu sagen, gerade sein Standpunkt. Tatsächlich gibt es in der Prophezeiung Huntingtons und all derer, die sich darauf berufen, etwas Unausgesprochenes, eine regelrechte Täuschung, nämlich eine Verschleierung der Partikularinteressen, die der Darstellung des Bestehenden zugrunde liegen: Der springende Punkt ist, was unter Zivilisation zu verstehen ist. 

Indem die kapitalistische Zivilisation so sehr zur Selbstverständlichkeit wird, dass man sie nicht einmal mehr als übergreifenden Rahmen unseres Lebens benennen muss, bleiben nur noch Teilzivilisationen übrig, miteinander in Konflikt stehende „kulturelle Identitäten“. Lassen Sie uns dies in der Sprache des 20. Jahrhunderts ausdrücken, denn dort müssen wir neu ansetzen: Das Unausgesprochene ist, dass der Kampf der Zivilisationen aus der Niederlage des Klassenkampfes hervorgeht. Das heißt, die Niederlage des Kampfes innerhalb der Zivilisationen: der Klassenkampf im Westen, die antikoloniale Perspektive im Rest der Welt. Um lästige Missverständnisse zu vermeiden: Wir verstehen Klasse nicht so wie die Marxisten, die immer langweiliger und karikaturhafter werden, nämlich als objektives Produkt der Wirtschaftsstruktur; die Klasse ist eine sich wandelnde Zusammensetzung von Differenzen, unter denen Rasse und Geschlecht heute eine zentrale Rolle spielen; sie ist ein widersprüchlicher Prozess, der aus dem Kampf hervorgeht. Heutzutage gibt es keine Klasse, da es keinen Klassenkampf mehr gibt, sondern nur noch partielle Identitätskonflikte, die darauf abzielen, sich als solche zu behaupten.

Diese Überlegungen werfen auch für unsere Seite, die die kapitalistische Zivilisation kritisiert, Probleme auf. Wir wollen hier kurz auf drei davon eingehen. 

Zunächst einmal wurde als selbstverständlich angenommen, dass der Kapitalismus nicht nur westlich sei, sondern dass er gar nicht anders sein könne. Man hat also eine historische Tatsache mit einer notwendigen Voraussetzung verwechselt und ist so zu dem Schluss gekommen, dass die Krise des Westens auch die Krise des Kapitalismus sei. Das ist falsch. Die Geschichte des Kapitalismus hat ihren Ursprung im Westen, daran besteht kein Zweifel, und zwar durch einen Prozess der ursprünglichen Akkumulation, der zu einem großen Teil auf Sklaverei und Kolonialismus beruhte. Heute hat sich das Szenario jedoch gewandelt. Und die letzten Jahrzehnte haben uns gezeigt, dass es im Rest der Welt keine Alternativen zur kapitalistischen Zivilisation gibt, sondern nur Teilzivilisationen innerhalb der fortbestehenden Gesamtzivilisation. Teilzivilisationen als Identitäten im engeren Sinne, die in der Lage sind, Subjektivität und anthropologische Strukturen hervorzubringen, heute jedoch in einer einzigen systemischen Richtung. Es bleibt also ein einziges System mit verschiedenen Zivilisationen in seinem Inneren: Dies ist der grundlegende Schlüssel zum Verständnis des heutigen geopolitischen Chaos. 

Zweitens war es falsch, die Globalisierung als ein einseitigen Prozess der Amerikanisierung und Verwestlichung darzustellen. Bereits Huntington hatte dies im Gegensatz zu Fukuyama erkannt und vorausgesehen, dass die Geschichte im Zuge der Vereinigung der Welt unter dem Zeichen des Kapitals die Züge eines brutalen Zusammenpralls zwischen kollektiven Makrolebensformen annehmen würde.

Letztendlich scheint uns dieses Szenario die radikale Krise der vielfältigen Hypothesen im Zusammenhang mit der Identitätspolitik zu verdeutlichen, die zunehmend Gefahr laufen, zu Identitäten der Unterschiede zu werden, die in Konkurrenz und Konflikt mit anderen Differenzen stehen und den vorherrschenden Individualismus in Form von gruppenbezogener Identitätspolitik reproduzieren.

Wenn jemand an dieser Stelle nach Beruhigungen oder Rezepten für das weitere Vorgehen sucht, hat er den falschen Artikel erwischt und vielleicht auch die falsche Zeit zum Leben. Machen wir uns die Mahnung Nietzsches zu eigen: Wenn du Seelenfrieden und Glück willst, glaube; wenn du ein Anhänger der Wahrheit sein willst, suche. Wenn ihr suchen wollt, ist der außergewöhnliche Roman von Paolo Bertetto La depressione della razza bianca (Die Depression der weißen Rasse) zunächst einmal eine gute Leseempfehlung: Genau davon handelt er, und wenn ihr ihn zu Ende gelesen habt, werdet ihr auf produktive Weise beunruhigt sein. Was wir heute also brauchen, ist ein unruhiger Raum der Reflexion, der sich von ideologischen Ballasten befreit und bereit ist, sich in das stürmische Meer zu wagen. Vor allem ein Raum, der sich aus der Zange des Kampfes der Kulturen befreien kann, also aus der Wahl zwischen den beiden von Meotti dargestellten Lebensweisen, den „Zivilisierten“ und den „Entzivilisierten“. 

Auf der einen Seite steht der Trumpismus, ein Kampf der Kulturen, dessen Protagonist eine depressive weiße Rasse ist, die ihre Niederlage nicht akzeptieren will. Auf der anderen Seite misstrauen wir zutiefst denen, die sich auf die Seite der „Entzivilisierten“ stellen und dieselben rassifizierten Figuren an ein mythologisches identitäres Schicksal ketten.

Der Kampf der Kulturen, sei er nun durch Netanjahu und Trump oder durch den IS und die Ayatollahs verkörpert, ist in der Tat das Ergebnis eines doppelten Scheiterns: des Scheiterns des Kolonialismus und des Scheiterns des Antikolonialismus. Hier müssen wir ansetzen, mit diesem doppelten Scheitern müssen wir uns alle auseinandersetzen. Denn es geht bei diesem Zusammenprall nicht um den Aufbau einer Welt, die von den Schrecken der heutigen befreit ist, sondern um die Entscheidung, welchem Schrecken unsere Gegenwart ausgeliefert werden soll.

Erschienen am 20. Mai 2026 auf Machina, ins Deutsche übertragen von Bonustracks. 

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