Was für ein seltsames Jahrzehnt waren doch die 90er Jahre. In Italien begannen sie mit dem Paukenschlag der Studentenbewegung „La Pantera“. Weltweit endeten sie am 30. November 1999 ebenso spektakulär, als 60.000 Aktivisten die WTO-Tagung angriffen und blockierten.
Anubi D’Avossa Lussurgiu, der heute Morgen im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben ist, war einer der großen Protagonisten dieser Zeit.
Kaum volljährig, schloss er sich der „Pantera“-Bewegung an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität „La Sapienza“ in Rom an und wurde in den folgenden Jahren zu einem der Anführer der Bewegung der Ungehorsamen in Rom; seine charismatische Persönlichkeit und seine Reden wurden zu einem festen Bestandteil der Bewegung der centri sociali in Rom und darüber hinaus.
Die Vorbereitung und Teilnahme am G8-Gipfel in Genua im Jahr 2001, seine Auftritte im Carlini-Stadion (insbesondere der dramatische mit der Bekanntgabe des Todes von Carlo Giuliani), sein Mitwirken beim Zustandekommen des MayDay und der „Stati Generali della Precarietà“, die Tage des Tränengasrauchs 2004 und 2011 in Rom: es gibt zahlreiche Momente, in denen Anubi eine tragende Rolle in den Bewegungen gespielt hat, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben.
Genua, 1960. Die neofaschistische Partei MSI hat für den 2., 3. und 4. Juli ihren sechsten Parteitag in der ligurischen Hauptstadt im Teatro Margherita einberufen.
Die Wahl des Ortes ist offensichtlich bereits eine Provokation: Genua ist nicht nur mit der goldenen Medaille des Widerstands ausgezeichnet worden, sondern auch die Stadt, die 1948 zur Zeit des Attentats auf Togliatti (Vors. der PCI, d.Ü) einhellig revoltierte und mehr als zwei Tage lang in der Hand der Aufständischen blieb.
Doch dies ist nicht die einzige Provokation des MSI, der zudem die Teilnahme des ehemaligen faschistischen Präfekten Carlo Emanuele Basile am Parteitag angekündigt hat – eines faschistischen Verbrechers, der während des Krieges viele Hunderte von Regimegegnern gefoltert und nach Deutschland deportiert hatte.
Die politische Deckung für den ‘Movimento Sociale Italiano’ wird zum ersten Mal direkt von der Regierung gewährt, in der der Christdemokrat Tambroni sitzt, der auch dank der Stimmen der italienischen extremen Rechten gewählt wurde. Kurz vor dem geplanten Kongress der MSI wird Giuseppe Lutri zum Polizeichef von Genua ernannt, der während der zwanzigjährigen faschistischen Herrschaft Leiter der politischen Einheit in Turin gewesen war und ebenfalls dafür berüchtigt war, zahlreiche Partisanen verhaftet und zum Tode verurteilt zu haben.
Die Reaktionen der Genueser Linken lassen nicht lange auf sich warten: Bereits in den ersten Juni Tagen starten Vertreter der kommunistischen und sozialistischen Parteien, der Bewegungen und der Partisanenverbände eine energische Kampagne, um die Stadt dazu aufzufordern, Stellung gegen die faschistische Kundgebung zu beziehen.
Die heutigen sozialen Bewegungen haben sich im Vergleich zu denen von gestern „von der Überzeugung, dass eine andere Welt möglich ist, hin zum Kampf gegen das Massensterben“ entwickelt. Dies ist laut Gianluca De Fazio der zentrale politische Kern, den Agostino Petrillo mit seinem Werk ‘Medusa. Figure politiche dell’apocalittismo contemporaneo’ (MachinaLibro/Derive Approdi) aufwirft. Dieser Katastrophismus, der oft als selbstverständlich angesehen und sogar als nützlich erachtet wird, um Kritik am gegenwärtigen Zustand zu üben, muss hingegen radikal hinterfragt werden, denn entgegen der oberflächlichen Annahme mobilisiert er nicht, sondern läuft Gefahr, politisches Handeln zu lähmen oder sogar zu einer Stärkung der bestehenden Ordnung beizutragen. Dennoch muss man sich mit der Apokalypse auseinandersetzen und sich fragen, wie es sowohl Agostino Petrillo als auch Gianluca De Fazio tun: „Wie kann man der Lähmung des politischen Handelns entkommen, dem Gefühl, dass die Grenzen des Möglichen erreicht sind […]?“
Vorwort Machina
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Man könnte sich zu Beginn fragen, warum das Thema der Apokalypse so wichtig ist – oder zumindest sein kann. Könnte es nicht Ausdruck eines Wiederauflebens des „magischen Denkens“ im Herzen einer hyperrationalisierten Gesellschaft sein, die den Anspruch erhebt, ein (einziges) Rationalitätsmodell auf jeden Bereich unseres Alltags anzuwenden? Macht es noch Sinn, „wissenschaftlich“ – und nicht nur „ethnografisch“ – über dieses theologische – wenn nicht gar „mythologische“ – Erbe zu sprechen, das wir von den Gesellschaften übernommen haben, die wir mit Max Weber als „traditionelle Gesellschaften“ bezeichnen könnten? Der Einwand könnte naheliegend erscheinen: Wir leben inmitten der katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise, die (städtische und nichtstädtische) Gebiete verwüsten; wir werden von Aufrufen zu Krieg und Rassenhass überschwemmt, während wir fassungslos Völkermorde im Live-Stream mitverfolgen, auf die nächste Pandemie warten und das Wiederaufleben rechtsextremer politischer Bewegungen erdulden. Die Gründe, warum in unserem heutigen Allgemeinbewusstsein eine Sensibilität nicht nur für die „Katastrophe“, sondern für die endgültige Katastrophe – die Apokalypse – wieder auftaucht, und das, was Agostino Petrillo in seinem Werk ‘Medusa. Politische Figuren des zeitgenössischen Apokalyptizismus’ als „verbreiteten Apokalyptizismus“ bezeichnet, mögen daher „wohlbekannt“ erscheinen. Und doch, wie der Philosoph bemerkte, ist das, was bekannt ist, gerade weil es bekannt ist, nicht wirklich bekannt.
Am 29. Mai ist Visconte, der Arzt, von uns gegangen. Er wurde am 2. April 1944 in Cutro, Kalabrien, in der Nähe von Crotone geboren. 1962 ging er nach Rom und schrieb sich an der medizinischen Fakultät ein. Dann brach das Jahr 1968 aus, das ihn in seinem letzten Studienjahr vorfand. Dort traf er auf die Marxisten-Leninisten verschiedener Organisationen und schloss sich schließlich der Unione dei comunisti italiani (Union der italienischen Kommunisten) an, den Anhängern von „Servire il Popolo“, deren Zeitung im November 1968 erschien. An der geisteswissenschaftlichen Fakultät lernte er Scalzone, Russo und Mordenti kennen, die Anführer der Bewegung der Besetzungen, vor allem aber Luca Meldolesi, der eine maoistische Gruppe namens UCI (Unione comunisti italiani) gegründet hatte.
Im Sommer 1968 kehrt er nach Crotone zurück und organisiert gemeinsam mit Brandirali, Migale, einem Bauern der PCI-Linea Rossa, Lo Giudice und anderen die Propaganda unter den Bauern im Raum Crotone. Bis 1975 bekleidet er in Mailand Führungsämter in der Partei und nähert sich der von Fiorani und Leonetti gebildeten Fraktion, die Brandirali zum Rücktritt drängt. Ein kleiner Teil der Arbeiterbasis nähert sich „Rosso“ und der „Autonomia Operaia“ von Negri an, doch die Mehrheit ist damit nicht einverstanden und gründet „Operai contro“.
Er beteiligt sich mit der Partei an der Bewegung von 1977 im Rahmen des autonomen Flügels, und nach dem Kongress von Bologna wird klar, dass die bewaffneten Gruppen die Wahl stellen: entweder am bewaffneten Kampf teilnehmen oder zu Hause bleiben. 1979 kommt es zur offiziellen Auflösung der PC-ML und der Zeitung „La voce operaia“. Ebenfalls in Mailand trifft er 1978 während der Besetzung der Unidal (Motta – Alemagna) einige Genossen von „Collegamenti“.
Ab 1979 kehrt er für einige Jahre in die private Praxis als Arzt zurück, doch zwischen 1984 und 1985 trifft er die Genossen von „Collegamenti“ wieder und nimmt an den Treffen in der Via Scaldasole teil. Obwohl die Zeitschrift dem anarchistischen Spektrum angehörte und mit Viscontes früheren Wegen und Erfahrungen kaum etwas zu tun hatte, war die Redaktion klassenbewusst, aufgeschlossen und bereit, seine Beiträge anzunehmen, was sein Interesse an den Rätekommunisten und der Selbstverwaltung weckte.
Zwischen Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre zerfällt die Mailänder Gruppe, und die Spannungen führen dazu, dass die Redaktion von Mailand nach Turin umzieht; Visconte bleibt zurück und arbeitet weiterhin für die Zeitschrift als einziger Ansprechpartner aus Mailand.
Seit 1994 ändert „Collegamenti“ sein Format und seine Erscheinungsweise und widmet sich zunehmend theoretischen Fragen; die Treffen finden in Turin statt, nur der „Mailänder“ Visconte trifft sich regelmäßig mit Giussani und regt ihn dazu an, einen Artikel über den Postfordismus zu verfassen, der in der Zeitschrift veröffentlicht wird und Anlass für eine Tagung zu diesem Thema gibt.
In den letzten Jahren erschienen mehrere seiner Artikel in „Umanità Nova“; besonders bedeutend waren die Beiträge zur sozialen Polarisierung im Zusammenhang mit der Verarmung der Mittelschicht sowie die Überlegungen zum italienischen Gesundheitssystem.
„Collegamenti“ war mehr als zwanzig Jahre lang und bis zuletzt seine liebste Identität.
Der Tod seiner Tochter machte die letzten Jahre seines Lebens bitterer und schwieriger.
Wir werden seine Anwesenheit vermissen, ebenso wie seine Fähigkeit, zuzuhören und über die behandelten Themen zu diskutieren, bis er schließlich seine eigenen Beiträge verfasste. In Mailand gibt es mehrere Orte, an denen wir bei Versammlungen den Blick umherschweifen lassen und nach ihm Ausschau halten werden.
Anmerkung: Der Text wurde überwiegend auf der Grundlage des Artikels von „Collegamenti/Wobbly“ verfasst: Per ricordare Visconte Grisi.
Veröffentlicht am 24. Juni 2026 auf Carmilla online. Ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.
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Gedanken aus der Informalität und für die Informalität, Erinnerung und Kampf.
Mauricio Morales ist unter uns!
Die Anarchie bekräftigt sich in den Territorien, in den verschiedenen Kontexten, in den Projekten und Kämpfen, in den Generationen von Genoss*innen von gestern und heute, die den Weg der Freiheit beschreiten. Es ist Mai im Kalender, und es scheint, dass – unabhängig von den registrierten Zahlen – das Blut in Wallung gerät und die Erinnerung, die unaufhörlich pulsiert, in unseren Verneinungen stärker schlägt. Deshalb fühlen wir uns, wenn bestimmte Daten näher rücken, bewusst verbunden mit den Ideen, den Spannungen, den Widersprüchen und den Beiträgen jener Genossen und Genossinnen, die nicht mehr auf dieser materiellen Ebene sind. Das ist das Ergebnis davon, die Anarchie in den Werten und durch die direkte Konfrontation mit der Macht gelebt zu haben. Einmal entwickelt und in die Tat umgesetzt, konfrontiert uns die Anarchie stets mit bitteren Szenarien: Gefängnis, Untergrund, Tod. Szenarien, die uns zwar durch die Geschichte des Anarchismus begleiten, von denen wir aber sehr wohl wissen, dass sie keine Dimension sind, die dem Vergessen und dem Zufall der Geschichte überlassen bleibt. Im Gegenteil: Das „schwarze Gedächtnis“ unserer Genoss*innen ist eine mobilisierende und aufrührerische Energie für Gedanken und Taten, die uns ständig als Realität und Räume innerhalb einer internationalen anarchistischen Kampfgemeinschaft nährt. Dies bringt die Genoss*innen in die Gegenwart zurück und macht sie zu einem Teil unserer Verneinungen und Spannungen.
„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“
Dante
Man glaubte, er habe sich geirrt. Marx wird Recht behalten. Nicht ganz so, wie er es im Detail gedacht hatte, aber doch im Grundgedanken.
Der Grundgedanke: Die Entwicklung der Produktivkräfte führt zu einer Veränderung der damit einhergehenden Produktionsverhältnisse, bis hin zu einem unauflösbaren Widerspruch im Rahmen der bestehenden Produktionsweise. Ankündigung einer völlig endogenen, endgültigen Krise, da der Kapitalismus selbst die inneren Spannungen erzeugt, die er eine Zeit lang durch historische Umgestaltungen auffängt, aber ab einer bestimmten Schwelle schließlich nicht mehr ausgleichen kann. Langfristig gräbt der Kapitalismus sein eigenes Grab – man nennt das „die Dialektik“.
Das Detail: Der Weg über die aufeinanderfolgenden Phasen der Manufaktur, der Fabrik und der Großindustrie führt zu einer enormen Konzentration von Arbeitern an den Produktionsstätten. Man versammelt solche ausgebeuteten, unterdrückten Massen nicht ungestraft an dem Ort ihrer Unterdrückung. Die Arbeiter sprechen miteinander, werden sich – der Dinge – bewusst, bilden ein – Klassen – Bewusstsein, organisieren sich. Es entsteht eine enorme Kraft, die die Hilflosigkeit des einzelnen Arbeiters auf dem „Arbeitsmarkt“ überwindet – der im ungleichen Duell mit dem Kapital zwangsläufig unterliegt. Im Fabrik-Zuchthaus bringt das Kapital seinen eigenen Todfeind hervor, seine Tage sind gezählt.
Nur dass wir anderthalb Jahrhunderte später immer noch dabei sind, sie zu zählen. Der erste revolutionäre Aufschwung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der einem kritischen Grad der Arbeiterorganisation entsprach, wurde durch Repression und Faschismus gebremst. Der zweite, nach dem Zweiten Weltkrieg, wird durch den Eintritt in den Massenkonsum betäubt: Breit gestreute materielle Entwicklung, Beendigung der Armut des Proletariats – und man entdeckt neue Waffen des Kapitalismus, die man nicht geahnt hatte: Die Arbeitnehmer werden nicht mehr nur vom Hunger getrieben, sondern von süßen, aber anderweitig schädlichen Mitteln. So vertieft sich die Entfremdung immer weiter. Einige Jahrzehnte später: Flugzeug, Mobiltelefon, soziale Netzwerke, Serien – zur gleichen Zeit, in der der Kapitalismus seine Produktionsverhältnisse tiefgreifend umstrukturiert, nachdem ihm der industrielle Erfolg des Fordismus erneut die Gefahr der konzentrierten Arbeitermassen vor Augen geführt hat: Automatisierung, Robotisierung, Auslagerung, Prekarisierung, Atomisierung.
„Den Blick auf das zu richten, was anderswo geschieht, kann uns eine Atempause verschaffen, die uns Kraft und Mut gibt, wenn unser ‚Zuhause‘ düster und unerträglich wird. Denn irgendwo auf dieser Erde wird es immer Menschen geben, die sich organisieren, die es versuchen, die nicht aufgeben.”
Manifiesto – Los Pueblos Quieren
1. Die Aufstand und seine Formen
Trotz des Fatalismus, den unsere Gegenwart natürlich hervorrufen mag, sind Völkermorde, Vertreibung und Umweltkatastrophen nicht die einzige Seite der Zeit, in der wir leben. Die Revolten, wenn auch punktuell und – wie könnte es anders sein – widersprüchlich, machen die Fragilität des gegenwärtigen Zustands deutlich und zeigen letztlich die Möglichkeiten des Lebens und der Selbstorganisation auf, die sich in den Lücken der Ordnung und den Zwischenräumen der kapitalistischen Logik finden. Im Laufe einiger Monate, während der vorangegangenen Aufstandswelle, sowohl in China als auch in Ecuador, Chile und den Vereinigten Staaten, erprobten die verschiedenen Aufstandsbewegungen fast zeitgleich neue (oder manchmal auch nicht ganz so neue) Formen, ihren Kampf zu organisieren, miteinander in Beziehung zu treten und den Raum, den sie durchlebten, zu nutzen. Aus diesen Erfahrungen ragen verschiedene Aktionen, Gesten, Affekte und praktisches Wissen hervor, die, soweit sie sich als wirksam erwiesen, auf die gesamte Aufstandsbewegung übertragen werden sollten und so den Verlauf des Kampfes in verschiedenen Gebieten beeinflussten. Die Verbreitung des Wissens über diese Kampferfahrungen aus anderen Gebieten und über die eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit ist ein grundlegender Moment in der Entwicklung jedes Aufstands.
Worte von Panagiotis Argirou, ehemaliges Mitglied der „Verschwörung der Feuerzellen“, anlässlich der Veranstaltung „Chaotische Intervention“, die in Chile zum Gedenken an den Anarchisten Mauricio Morales Duarte stattfand. 17 Jahre nach dessen Tod während einer Aktion.
Es sind nun 17 Jahre vergangen seit jenem Tag, an dem uns die Nachricht von einer vorzeitigen Explosion in Santiago erreichte, die das Leben eines jungen Genossen auslöschte, der von vielen Menschen in seiner Stadt und wahrscheinlich auch darüber hinaus geliebt wurde: der Genosse Punky Mauri. Um das vom griechischen Staat verwaltete Gebiet zu erreichen, hatte er Tausende von Kilometern zurückgelegt, einen Ozean und zwei Kontinente durchquert und auch unsere Herzen bewegt. 17 Jahre sind eine lange Zeit, und zweifellos ist viel geschehen, denn diese Jahre haben in jedem von uns einen anderen Eindruck hinterlassen… Für mich, der ich von dieser traurigen Nachricht tief getroffen wurde, läuft jedes Mal, wenn dieses Datum näher rückt, ein Schauer über den Rücken, und die emotionale Ergriffenheit ist immer noch sehr stark. Vor allem in den letzten anderthalb Jahren, in denen wir das unglückliche Schicksal miterleben mussten, auch in Griechenland den Tod eines ebenso wertvollen Genossen, Kyriakos Xymitiris, durch eine vorzeitige Explosion zu erleben. Dies hat uns dazu veranlasst, zu suchen, zu recherchieren und herauszufinden, wie viele Brüder und Schwestern wir auf ähnliche Weise verloren haben, und ihre Geschichten in dem Buch „Stelle circumpolari“ zu erzählen, das zum Gedenken an Kyriakos veröffentlicht wurde.
Es ist sehr wichtig, dass die Erinnerung an Mauri durch Gedenkveranstaltungen wie die von euch organisierte sowie durch jede andere Initiative, ob politischer Natur oder nicht, weiterlebt. Die Menschen, die uns verlassen haben, insbesondere diejenigen, die mitten im Kampf von uns gegangen sind, nah bei uns, an unserer Seite zu halten, ist etwas, das über die kollektive Bewältigung der Trauer hinausgeht. Es ist in erster Linie eine kollektive Antwort auf die mächtigste Waffe der Macht, das Vergessen, und darüber hinaus eine kollektive Antwort auf die Zukunft. Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit, und die Vergangenheit trägt unsere Toten und ihre Geschichten mit sich. Geschichten, die wir erzählen, teilen und an die jüngeren Generationen weitergeben müssen. Geschichten von wunderbaren Menschen mit wunderschönen Lächeln, wie Mauri, Kyriakos, Alessandro und Sara, die wir kürzlich bei einer weiteren tragischen, vorzeitigen Explosion in Italien verloren haben.
Wie in dem Kyriakos gewidmeten Buch zu lesen ist, das auch auf Mauri Bezug nahm, handelt es sich um Geschichten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung der Bewegung ignoriert wurden. Geschichten von Menschen, deren Leben mit einer Ladung Dynamit, einer Uhr, einem Zünder, einer Handgranate, einer Bombe oder einem improvisierten Granatwerfer verflochten war. Geschichten von Revolutionären, die zum letzten Mal ihre Koffer gepackt haben. Die sich ins Auto oder auf das Fahrrad gesetzt haben, um eine Reise ohne Wiederkehr anzutreten. Die eine Wohnung betreten haben, um sie nie wieder zu verlassen. Die für immer im Rauch einer tragischen, versehentlichen Explosion verschwunden sind und unvollendete Taten und gebrochene Versprechen zurückgelassen haben. Sie hinterließen erschütterte Menschen, die sich immer wieder fragten, was wohl passiert wäre, wenn… Durch diese Geschichten erfahren wir nicht nur, wer diese Menschen waren, sondern auch, wer diejenigen waren, die ihnen zur Seite standen. Welchen Zielen sie sich widmeten, wie sie über sie sprachen, wie sie für sie handelten. Durch diese Geschichten lernen wir, wie die Menschen gelernt haben, weiterzumachen, und weiterzumachen, und weiterzumachen. Denn wenn es etwas gibt, das bleibt, dann ist es genau das. Das bittere Bewusstsein, dass wir gegen alles ankämpfen und dass die einzige Wahl, die wir haben, darin besteht, weiterzumachen. Weinen, trauern, fluchen, die Zähne zusammenbeißen und schwören, dass wir nicht vergessen werden. Dass wir weitermachen werden. Was auch immer geschieht.
Abschließend möchte ich meine tiefe Rührung darüber zum Ausdruck bringen, denselben Ort mit einem Weggefährten geteilt zu haben, mit dem sich unsere Wege gekreuzt haben, obwohl wir uns nie persönlich begegnet sind. Trotz der Tausenden von Kilometern, die uns trennten, haben wir uns dank unserer Entscheidungen und der Wechselwirkungen zwischen diesen wiedergefunden. Es ist ein überwältigendes Gefühl und eine große Ehre für mich, vor Kyriakos’ Grab gestanden zu haben, um Worte zum Gedenken an Mauri zu rufen, und an der Demonstration zu seinen Ehren teilgenommen zu haben, die von der Polizei brutal niedergeschlagen wurde. Ich wäre heute gerne bei euch gewesen, um die Geschichten über Mauri zu hören, die Aktionen zu seinem Gedenken zu sehen und mit euch zu rufen.
Mauricio Morales, presente!
Ich hoffe, es geht euch allen gut.
Anarchie, immer und vor allem.
Ins Deutsche übersetzt von Bonustracks aus der italienischen Version, die am 4. Juni 2026 auf La Nemesi erschien.
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Am 23. Januar 2026 traten die Arbeiter in Minneapolis in den sogenannten ersten Generalstreik der Stadt seit dem Teamsters-Streik von 1934, der der gewerkschaftsfeindlichen Citizens Alliance den Rücken brach und den Arbeitern in den Twin Cities [gemeinsame Bezeichnung für Minneapolis und St. Paul] den Weg zur gewerkschaftlichen Organisation ebnete. Da sich 70.000 bis 100.000 Arbeiter dem Massenmarsch in der Innenstadt anschlossen und viele Tausende weitere sich krank meldeten, aber bei der brutalen Kältewelle mit Minusgraden zu Hause blieben, schlossen die Geschäfte in den zentralen Stadtvierteln von Minneapolis und St. Paul für diesen Tag und brachten den Handel zum Erliegen.
Der Einsatz eines Generalstreiks in einer amerikanischen Stadt zeigt eine erneute Bereitschaft der Arbeiter, massive, kollektive Maßnahmen gegen ein Regime zu ergreifen, das in seiner Brutalität, seiner Missachtung der liberalen Normen „verfassungsmäßiger“ Regierungsführung und seinen Angriffen auf die ohnehin schon ramponierten Überreste des sozialen Sicherheitsnetzes immer unverhohlener auftritt. Dennoch wurde er von einer überwiegend nicht gewerkschaftlich organisierten Belegschaft durchgeführt, wobei die Gewerkschaften selbst eine widersprüchliche Rolle spielten – sie riefen zwar zu einem Tag ohne Arbeit und Handel auf, weigerten sich jedoch, dies als Streik zu bezeichnen, da sie an ihre Verträge gebunden sind.
Der Generalstreik von Minneapolis im Jahr 2026 ist eine Geschichte über das Zusammenspiel der militanten Minderheit innerhalb der Arbeiterbewegung, der offiziellen Institutionen der Bewegung sowie der breiteren Community und der Arbeiterklasse, die in einer Phase gesellschaftlicher Umbrüche mobilisiert wurden. Es ist auch die Geschichte einer Stadt, in der sich in aufeinanderfolgenden Wellen von Krise und Widerstand ein Geist der Solidarität und der direkten Aktion herausbildet, wobei die Netzwerke und Strategien jedes einzelnen Kampfes die Grundlage für den nächsten bilden. Minnesota bekämpfte ICE [Einwanderungs- und Zollbehörde] durch gegenseitige Hilfe, Selbstverteidigung der Gemeinschaft und Massenaktionen als Arbeiter. Unsere Fähigkeit zu all dem wurde in den vorangegangenen Kampfwellen in den Jahren vor Metro Surge aufgebaut.
Es sollte der Krieg sein, der den „Iran befreien“ würde. So wurde es uns monatelang erzählt, mit Präzisionsbomben, gezielten Sanktionen und dem Ayatollah-Regime in den letzten Zügen. Ein letzter Stoß, so sagte man uns, und das Kartenhaus würde zusammenbrechen. Die Bilder vergangener Proteste wurden mit denen der Bombardements vermischt, und das Endergebnis war eine einfache, fast beruhigende Geschichte: Wir Westler schlagen das Böse, und das Gute – das iranische Volk natürlich – wird es uns danken. Schade nur, dass die Realität die unangenehme Angewohnheit hat, sich nicht an Drehbücher anzupassen, Drehbücher, die wir bereits kannten und die sich erneut materialisiert haben.
Heute, nach Monaten der Bombardierungen, Sanktionen und Propaganda über die „Befreiung“, verhandeln die Vereinigten Staaten über neue Abkommen mit eben jener Islamischen Republik, die sie zu vernichten schworen. Waffenstillstände. Wiederöffnung der Straße von Hormus. Wirtschaftliche Erleichterungen. Der absolute Feind, der beste Feind – derjenige, der aus der Geschichte getilgt werden sollte – ist wieder zu einem Gesprächspartner geworden. Man setzt sich an einen Tisch. Man diskutiert. Man verhandelt. Die Frage lautet also: Wozu hat der Krieg gedient? Wozu hat er gedient, wenn man schon früher an den Verhandlungstisch hätte kommen können, wie viele innerhalb und außerhalb des Iran vorgeschlagen hatten? Warum um alles in der Welt monatelang bombardieren? Warum Infrastruktur zerstören, Zivilisten töten, ein Volk hungern lassen, das ohnehin schon litt, wenn das Ergebnis dann dasselbe ist, das man auch ohne eine einzige Bombe hätte erreichen können?