Das Regime? Es ist immer noch da.

Marina Misaghinejad

Es sollte der Krieg sein, der den „Iran befreien“ würde. So wurde es uns monatelang erzählt, mit Präzisionsbomben, gezielten Sanktionen und dem Ayatollah-Regime in den letzten Zügen. Ein letzter Stoß, so sagte man uns, und das Kartenhaus würde zusammenbrechen. Die Bilder vergangener Proteste wurden mit denen der Bombardements vermischt, und das Endergebnis war eine einfache, fast beruhigende Geschichte: Wir Westler schlagen das Böse, und das Gute – das iranische Volk natürlich – wird es uns danken. Schade nur, dass die Realität die unangenehme Angewohnheit hat, sich nicht an Drehbücher anzupassen, Drehbücher, die wir bereits kannten und die sich erneut materialisiert haben.

Heute, nach Monaten der Bombardierungen, Sanktionen und Propaganda über die „Befreiung“, verhandeln die Vereinigten Staaten über neue Abkommen mit eben jener Islamischen Republik, die sie zu vernichten schworen. Waffenstillstände. Wiederöffnung der Straße von Hormus. Wirtschaftliche Erleichterungen. Der absolute Feind, der beste Feind – derjenige, der aus der Geschichte getilgt werden sollte – ist wieder zu einem Gesprächspartner geworden. Man setzt sich an einen Tisch. Man diskutiert. Man verhandelt. Die Frage lautet also: Wozu hat der Krieg gedient? Wozu hat er gedient, wenn man schon früher an den Verhandlungstisch hätte kommen können, wie viele innerhalb und außerhalb des Iran vorgeschlagen hatten? Warum um alles in der Welt monatelang bombardieren? Warum Infrastruktur zerstören, Zivilisten töten, ein Volk hungern lassen, das ohnehin schon litt, wenn das Ergebnis dann dasselbe ist, das man auch ohne eine einzige Bombe hätte erreichen können?

Die Antwort ist offensichtlich und banal. Der Krieg hatte nicht die Befreiung des iranischen Volkes zum Ziel. Er hatte andere Ziele – die Kontrolle der Seewege, die Eindämmung eines regionalen Feindes, die Beruhigung der Verbündeten am Golf, eine Machtdemonstration im Wahlkampf. Der Iran, sein Volk, sein Leid waren nur die Kulisse. Der Hintergrund. Und wenn der Hintergrund nicht mehr gebraucht wird, wechselt man ihn. Man geht zur nächsten Szene über.

Der Krieg hatte zudem die bedeutende Aufgabe, die Islamische Republik nachhaltig zu festigen. Die Pasdaran, die Revolutionsgarden, die durch den Konflikt eigentlich entmacht werden sollten, sind gestärkt daraus hervorgegangen. Denn so funktioniert es bei Diktaturen, und das sollten wir nur zu gut wissen. Wenn eine Bedrohung von außen auftritt, schließen sie als Erstes die Reihen. Als Zweites nutzen sie diese Bedrohung als Vorwand, um jegliche interne Opposition zu unterdrücken. Andersdenken wird zu Verrat. Protest wird zu Spionage. Streiks werden in Kriegszeiten zu Sabotage.

Und die Pasdaran sind Meister in diesem Spiel. Sie haben jede Bombe, die auf iranisches Gebiet fiel, als Beweis dafür genutzt, dass „sie Recht hatten“, dass der Feind real ist, dass man dem Westen nicht trauen kann, dass der einzige Schutz das Regime ist. Sie haben ihre wirtschaftliche, militärische und politische Macht stärker gefestigt, als sie es in Friedenszeiten jemals hätten tun können. Und innerhalb der Landesgrenzen hat die Unterdrückung nicht nachgelassen. Sie hat zugenommen. Massenverhaftungen. Hinrichtungen. Inhaftierungen. Folter. Alles gerechtfertigt unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit. Der Krieg war die beste „kostenlose“ Propaganda für das Regime.

In der Zwischenzeit hat das iranische Volk die Zeche bezahlt. Millionen von Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Unternehmen wurden geschlossen, Fabriken zerstört, Lieferketten unterbrochen. Die wirtschaftliche Stabilität, die nach Jahren verheerender Sanktionen ohnehin schon prekär war, ist vollständig zusammengebrochen. Die Inflation – die ohnehin schon ein Ungeheuer war – hat das verschlungen, was von den Ersparnissen noch übrig war. Grundlegende Güter – Lebensmittel, Medikamente, Brennstoff zum Heizen im Winter – sind für viele zu einem Luxus geworden. Keine Zahlen, keine Statistiken: Mütter, die keine Milch für ihre Kinder kaufen können. Ältere Menschen, die sterben, weil die Medikamente nicht mehr ankommen. Junge Menschen, denen die Zukunft vor den Augen verschwindet wie eine Tür, die ihnen ins Gesicht zugeschlagen wird.

Und die Infrastruktur? Zerstört. Krankenhäuser, Straßen, Brücken, Schulen, Häfen. Alles, was ein Land funktionsfähig macht, alles, was es einem Menschen ermöglicht, in Würde zu leben, wurde in Schutt und Asche gelegt. Der Krieg hat das Machtsystem nicht zerstört, das ist intakt geblieben, ja sogar gestärkt worden. Er hat das zerstört, was das System umgab. Er hat den Alltag derer zerstört, die dieses System tagtäglich erdulden müssen.

Das Internet wurde zudem abgeschaltet und kontrolliert. Nicht nur durch das Regime – das tat dies ohnehin schon –, sondern auch durch die Bomben, die die Telekommunikationsinfrastruktur zerstört haben. Der Krieg hat den Iranern auch den letzten Raum für Diskussionen genommen, den letzten virtuellen Ort, an dem man noch versuchen konnte, seine Meinung zu äußern. Es gab keine „digitale Befreiung“. Es gab keine Verbindung zur Welt. Es herrschte nur eine noch tiefere Stille, unterbrochen vom Dröhnen der Bomben und dem Klirren der Ketten.

Ziehen wir also Bilanz. Vor dem Krieg: Regime an der Macht, starke Pasdaran, Sanktionen in Kraft, Wirtschaft am Boden, systematische Unterdrückung, schwache, aber lebendige interne Opposition. Nach dem Krieg: Regime weiterhin an der Macht, Pasdaran stärker als zuvor, Sanktionen werden gelockert (aber nur, weil die USA das Abkommen rechtfertigen müssen), Wirtschaft noch mehr am Boden, Unterdrückung härter denn je, interne Opposition zum Schweigen gebracht.

Der Krieg hat dem iranischen Volk die letzte Hoffnung genommen, die Dinge von unten zu verändern. Denn wer eine demokratische, gewaltfreie, autonome Alternative aufbauen wollte, wurde nun inhaftiert, zur Flucht gezwungen oder einfach durch den Lärm der Bomben zum Schweigen gebracht. Und wenn der Lärm verstummt – wie er jetzt mit den Abkommen verstummt –, wird es sich in einer Wüste wiederfinden. Ein ärmeres, isolierteres, verwundbareres Land. Und ein Regime, das stärker ist als zuvor.

Wieder einmal sprechen die Großmächte von Freiheit, während sie auf Kosten der Völker verhandeln. Es ist nicht das erste Mal. Es wird auch nicht das letzte Mal sein. Wieder einmal werden diejenigen, die unter einer Diktatur leben, auf dem Altar eines schmutzigen Spiels geopfert – buchstäblich geopfert.

Ein freier Iran wird nicht durch US-Bomben entstehen. Das sollte mittlerweile jedem klar sein, der auch nur ein Minimum an historischem Gedächtnis besitzt. Und er wird auch nicht unter der Unterdrückung der Ayatollahs entstehen, das ist ebenso offensichtlich. Er wird – falls er überhaupt entsteht – aus einer internen, autonomen, geduldigen, beschwerlichen Bewegung hervorgehen, die von unten Räume der Freiheit schafft, ohne darauf zu warten, dass irgendein Imperium sie ihr schenkt. Eine Bewegung, die in diesem Krieg an Boden, Stimme, Kraft und Hoffnung verloren hat.

Wer diesen Krieg heute als Sieg feiert, sollte der Realität ins Auge sehen. Ohne Filter. Ohne Ideologie. Ohne Fahnen. Das Regime hat überlebt. Die Pasdaran sind stärker. Die Unterdrückung hat sich verschärft. Die Gefängnisse sind voll. Die Hinrichtungen gehen weiter. Das iranische Volk – das, das man angeblich befreien wollte – ist ärmer, isolierter, verletzlicher und einsamer als zuvor.

Mission erfüllt? Ja. Für die Allerschlimmsten.

Veröffentlicht am 26. Mai 2026 auf Commune Info, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks. 

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