Internationale Erklärung: Wir verurteilen die imperiale Offensive gegen Venezuela

Coordinación Anarquista LatinoAmerica (CALA) 

Fast 48 Stunden seit dem Kidnapping des Präsidenten von Venezuela durch US-amerikanische Spezialeinheiten. Immer noch gibt es keinerlei veröffentlichte Stellungnahmen aus der (im weitesten Sinne) anarchistischen Galaxie in den USA selbst, keine größeren öffentlichen Proteste oder Aktionen. Auch deshalb an dieser Stelle die Übersetzung der Erklärung der Coordinación Anarquista LatinoAmerica (CALA), die noch vor der von Trump angeordneten Geiselnahme, genauer am 30. Dezember 2025 veröffentlicht wurde. 

Bonustracks

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Diese Erklärung wurde von Mitgliedsorganisationen der Lateinamerikanischen Anarchistischen Koordination – Coordinación Anarquista LatinoAmerica (CALA) – verfasst und unterzeichnet. Black Rose/Rosa Negra (BRRN) wurde als Schwesterorganisation eingeladen, die Erklärung zu unterzeichnen.

Die Lateinamerikanische Anarchistische Koordination und Schwesterorganisationen verurteilen die Drohungen einer direkten Intervention der US-Regierung unter Trump in Venezuela.

Diese Versuche und Drohungen einer Intervention sind weder Einzelfälle noch eine vorübergehende Reaktion auf angebliche Probleme der „Sicherheit”, des „Drogenhandels” oder des „Terrorismus”. Im Gegenteil, sie sind Teil einer langen Geschichte imperialistischer Einmischung in Lateinamerika und der Karibik, deren Auswirkungen systematisch auf die unterdrückten Völker und Klassen der Region zurückfallen.

Die Geschichte ist bekannt: Jedes Mal, wenn die Vereinigten Staaten diese Vorwände geltend gemacht haben, waren soziale Verwüstung, Verlust der Souveränität und Gewalt die Folge. Panama 1989, Irak 2003 und zahlreiche Interventionen in unserer Region zeigen, dass es hier nicht um die „Verteidigung der Demokratie” geht, sondern um politische, militärische und wirtschaftliche Kontrolle. Im Falle Venezuelas kommen diese Drohungen zu einer mehr als zehnjährigen Wirtschaftsblockade hinzu, die das tägliche Leben der Menschen hart getroffen hat und zu einer Verschärfung der Versorgungsengpässe, der Unsicherheit und der Verschlechterung der materiellen Lebensbedingungen geführt hat.

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Eine proletarische Bestandsaufnahme des Jina-Aufstands

Slingers Collective

Seit einer Woche dauern nun die Unruhen im Iran an, die als Proteste der Händler des Bazars von Teheran begann und dem sich sukzessive immer weitere soziale Gruppen angeschlossen haben. Mittlerweile gibt es in mehreren Städten offene Straßenkämpfe mit den Repressionskräften, die teilweise scharfe Munition einsetzen. Von acht Menschen sind die Namen bekannt, die in den letzten Tagen vom iranischen Regime ermordet wurden. Aber auch dieser Aufstand wird zum Scheitern verurteilt sein, wenn es ihm nicht gelingt, aus den Erfahrungen der letzten Aufstandsbewegungen im Iran zu lernen. Und dies, wo die Chancen nicht zu scheitern wohl niemals so groß wie gerade jetzt waren/sind. Das Regime steht wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand, eine galoppierende Inflation, der Rial ist gegenüber dem US Dollar ins Bodenlose gestürzt, das Regime hat die Konfrontation der ‘Achse des Widerstand’ mit den USA, den Golfstaaten und Israel komplett verloren, als das iranische Atomprogramm durch Luftschläge der USA und Israel um Jahre zurückgeworfen wurde, war die libanesische Hisbollah nicht einmal mehr zu symbolischen Aktionen gegen Israel bereit / in der Lage.   

Nun also die neue Welle von Protesten und Unruhen, gute 3 Jahre nach dem sogenannten ‘Jina-Aufstand’. Dieser Aufstand, der im Herbst 2022 nach der Ermordung von Jina Mahsa Amini begann und dem Regime ernsthaft gefährlich wurde, zog sich bis ins Jahr 2023 hin, hunderte Demonstranten verloren ihr Leben, die meisten wurden auf offener Straße erschossen, über 150 Menschen wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Und erneut stellt sich nun die ‘revolutionäre Frage’, die nur erfolgreich beantwortet werden kann aus den Lehren der letzten, gescheiterten Anläufe, die mehr umfassen als den Jina-Aufstand und sich auf unterschiedlichste Art und Weise bedingten. Wünschen wir den iranischen Gefährt*innen den Mut, das Glück und die Weisheit diesmal nicht zu unterliegen.

Der folgende Text wurde jüngst im Dezember 2025 auf der englischsprachigen Website des Slingers Collective veröffentlicht und von Bonustracks ins Deutsche übertragen.

Bonustracks, 2. Januar 2026

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Eine proletarische Bestandsaufnahme des Jina-Aufstands

Das Einfachste für eine linke Kraft bei der Bestandsaufnahme des Jina-Aufstands ist es wahrscheinlich, sich irgendwo in der Mitte zwischen zwei bereits ausgeprägten Spektren der Linken zu positionieren.

Das erste Spektrum ist das derjenigen, die den bequemsten Weg gewählt haben: einen vollständigen und entschiedenen Bruch mit dem Aufstand. Dieses Spektrum bezeichnet seine derzeitige Position natürlich nicht als „Bruch“, sondern gibt vor, von Anfang an nie daran teilgenommen oder gar begleitet zu haben, als wäre es von Anfang an distanziert gewesen. Die Art und Weise, wie sie sich heute positionieren, weist eine seltsame Ähnlichkeit mit dem Verhalten eines Teils der Linken der ‘Achse des Widerstands’ gegenüber dem Aufstand vom Dezember 2017 –Januar 2018 und den Aufstand vom November 2019 auf, als man  entweder verdeckt oder offen die abscheulichsten Verleumdungen des Sicherheitsapparats der Islamischen Republik wiederholte, um dann angesichts des Aufstands von Jina plötzlich zu Verteidigern der Aufstände vom Dezember 2017–Januar 2018 und November 2019 zu werden.

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„Idris Robinson: The Revolt Eclipses Whatever the World Has to Offer” – eine Rezension von Zane Perdue

DAS LIED DES HIMMELS… VERFLUCHT DIESES LEBEN NICHT

Erbe einer schrecklichen Vergangenheit

Während ich einen Entwurf nach dem anderen für meine Rezension von Idris Robinsons „The Revolt Eclipses Whatever the World Has to Offer” schreibe, das jetzt bei Semiotext(e) als Nr. 38 in der berüchtigten Interventions-Reihe erhältlich ist, ertappe ich mich dabei, etwas zu tun, was kein Rezensent oder Schriftsteller jemals tun sollte: Ich greife halb bewusst den Meinungen anderer imaginärer Leser über Revolt vor und reagiere teilweise auf diese, selbst wenn ich mich an den tatsächlichen Leser des Buches wende – ausgehend von der Eröffnung, die Revolt zu erweitern versucht.

Nun möchte ich mich mit Robinsons einzigartigem Werk aus Politik, Agitation, Autobiografie, Philosophie und Laudatio befassen – aber es könnte nützlich sein, diesen unklaren, imaginären Leser zu erfassen und ihn nicht sofort abzutun. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, ihn in den Vordergrund zu rücken, ihn zu entlarven, ihm eine Standpauke zu halten und ihn schließlich aus unserem Blickfeld zu entfernen, denn er ist nicht nur ein anschauliches Beispiel, wenn auch ein negatives, sondern er versperrt uns auch die Sicht. Dieser imaginäre Leser hat tatsächlich einen Namen, aber den behalte ich noch ein paar Momente für mich.

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Für eine Kritik des Massen-Individuums

Gigi Roggero

Notizen für eine neue Avantgarde der Forschung

In einem vor einigen Jahren erschienenen Büchlein, Per la critica della libertà (DeriveApprodi, 2023), hatten wir versucht, die Prämisse des liberalen Kultes, das Totem der Moderne insgesamt, nämlich die Freiheit, zu zerlegen. Nun geht es darum, dies zu vertiefen und einen Schritt weiter zu gehen. Dazu müssen wir uns mit der Frage des Individuums auseinandersetzen. Wir wissen, dass die kapitalistische Moderne seit ihren Anfängen um dieses Subjekt herum entstanden ist, das in der spezifischen Form des Bürgers zum Ausdruck kommt. Seit Locke ist der Individium-Bürger der Individium-Eigentümer. Ohne den Einzelnen gäbe es weder Staat noch Markt, weder Wettbewerb noch Ausbeutung, weder freies Unternehmertum noch freien Verkauf von Arbeitskraft. Ohne den Einzelnen gäbe es keine kapitalistische Moderne.
Die Dialektik zwischen Kapitalismus und Sozialismus war, vereinfacht gesagt, der Gegensatz zwischen der Hegemonie des Individuums und der Hegemonie der Masse. Nun, da sie ihre Phase der Hyperrealisierung erreicht hat, hat die Moderne These und Antithese überwunden und sie in einer Aufhebung aufgelöst, der wir einen Namen geben: Massen-Individuum. Die sozialistische Utopie eines entindividualisierten und im Staat entfremdeten Individuums wird vom Kapitalismus verwirklicht, mit einem entindividualisierten und in den Automatismen der systemischen Maschine entfremdeten Individuum. Ein System, dessen Utopie darin besteht, ohne Individuen funktionieren zu können.

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Lasst uns das Opium des Volkes legalisieren!

Louisa Yousfi

Der folgende Text ist das Vorwort der Ausgabe 4 der Zeitschrift ‘Nous’, die den Titel ‘Légalisons l’opium du peuple’ trägt und dieser Tage erschienen ist. Sie findet sich hier, der Text von Louisa Yousfi findet sich online ohne Abo vollständig hier im Original. Der Text wurde von Bonustracks übersetzt, weil er aus unserer Sicht einige wichtige Aspekte behandelt, auch wenn wir manche Perspektiven nicht teilen. 

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„In der einen Minute ist die Revolution unmöglich, in der nächsten ist sie unvermeidlich. “

Dieser Rosa Luxemburg zugeschriebene Satz wurde oft zitiert, um die Schnelligkeit von Aufständen und ihre Logik des plötzlichen und spontanen Auftretens zu beschreiben. Vor allem aber beschreibt er den Bruchpunkt, an dem die Gesetze der Realität zerbrechen, an dem das, was man für unveränderlich hielt, sich auflöst, an dem das Unmögliche eine Lücke findet und sich dort hinein stürzt. Die Revolution ist in diesem Sinne kein organisierter Mechanismus, sondern eher ein Sprung ins Leere, ein Akt des Glaubens, eine ebenso mystische wie politische Geste. Sie ist buchstäblich … ein Wunder. Und dieses Wunder bildet den Boden für die nächsten Schritte, umgeben von der metaphysischen Energie, die die großen Bewegungen der Geschichte antreibt.

Man wird über diese Lektüre lachen. Man wird sie bestenfalls als poetische Schwärmerei, schlimmstenfalls als mystischen Unsinn abtun. Die westliche Linke, die an ihren Emanzipationsfetischen – Materialismus, Rationalismus, Laizismus, Säkularismus – festhält, hat sich zur Priesterin eines anderen Glaubens gemacht: eines Glaubens, der uns in einer Welt ohne Transzendenz, ohne Außenwelt, ohne anderen Horizont als die Repetition der Maschine gefangen hält. Erkennen wir zunächst ihre Fruchtbarkeit an: Diese Ideale haben das Joch des Klerus gebrochen, die Kämpfe von kirchlicher Vormundschaft befreit und der Wissenschaft die Kraft einer Waffe gegen die Willkür der Meinungen gegeben. Es war genau dieses Paradigma, das die europäischen Revolutionen beflügelt hat… bevor es sich durch die koloniale Logik gegen die indigenen Völker wandte, die man schnell als „abergläubisch”, „primitiv” und „historisch rückständig” bezeichnete. Unter dem Deckmantel der Neutralität hat sich die Säkularität zu einem Instrument der spirituellen Selektion, zu einer regelrechten Seelenpolizei gewandelt: Sie verteilt Legitimitätsgrade, heiligt das christliche Erbe, indem sie es als universell bezeichnet, und verbannt andere Weltanschauungen an den Rand, in die kulturelle Folklore oder in metaphysische Kindereien.

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Drei Weihnachtsgeschichten

Drinnen – Cesare Battisti

Ich bin ein Häftling und schreibe, über den Tisch meiner Zelle gebeugt. Ich habe Sätze formuliert, Gedanken verfeinert, als würde ich zu einem Leser sprechen, der mit meinen Augen sehen und mit meinem Herzen fühlen könnte. Als ob auch sie oder er auf der anderen Seite der Gitterstäbe über denselben Formica-Tisch gebeugt säßen, dessen Kanten von den Zigaretten anderer verbrannt sind. Und jeden Tag, bevor ich mich aufrichtete, fragte ich mich, ob das Schreiben von „Innerhalb” wirklich durch die Gitterstäbe hindurchgehen und die freie Welt erreichen könnte, ohne etwas von der Atmosphäre zu verlieren, in die der Gefangene alle beängstigenden, unvorhersehbaren Faktoren projiziert hat. Ob seine geschriebenen Worte, sobald sie die ersehnte Schwelle des Gefängnisses überschritten hatten, den Hauch bewahrten, der die Strafe in Hoffnung verwandelt, die stickige Luft der Zelle in Licht, in Wind, der über die Welt gleitet, von der er getrennt ist. Ich habe überall nach der Antwort gesucht, außer an dem einzigen Ort, an dem ich sie hätte finden können: im Gefängnis.

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Es lebe Askatasuna!

Sergio Fontegher Bologna

Früher nannte man Turin die Stadt des Automobils. Auch wenn diese Definition etwas voreilig war, so ist es doch wahr, dass die Automobilindustrie nicht nur historisch gesehen einen wichtigen Teil der Beschäftigung ausmachte, sondern auch, wie soll man sagen, ein Teil der DNA der Stadt war, so wie das maritime und hafenwirtschaftliche Know-how für Genua. Ich bezweifle jedoch, dass Genua still und ruhig bleiben würde, wenn man den Hafen schließen würde. In Turin schließen der gute Elkann und seine Partner die Automobilindustrie, und Turin brennt nicht, sondern hält sich über Wasser, klammert sich an die Dementis von Stellantis und scheint nicht den Mut zu haben, die Realität zu akzeptieren. Damit nicht zufrieden, verkauft der gute Elkann die Tageszeitung „La Stampa”, einschließlich der Journalisten, als wären sie Schweinefleisch oder Tempo-Taschentücher. Damit zeigt er, wie sehr der Herr seine gehorsamen Diener schätzt, die wenige Wochen zuvor als Hüter der Pressefreiheit und Säulen der Demokratie gepriesen worden waren, nachdem eine Gruppe etwas lebhafter Studenten es gewagt hatte, ein paar Papiere auf ihren Schreibtischen in die Luft zu werfen. Sie haben Papiere in die Luft geworfen, sie haben das Gebäude nicht in Brand gesteckt.

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Glauben und nicht glauben

Giorgio Agamben

1973 schrieb Ivan Illich in seinem Werk „La convivialità, dass die Katastrophe des industriellen Systems zu einer Krise führen würde, die eine neue Ära einläuten würde. „Die synergetische Lähmung des Systems, das sie nährte, wird zum allgemeinen Zusammenbruch der industriellen Produktionsweise führen… In sehr kurzer Zeit wird die Bevölkerung nicht nur das Vertrauen in die herrschenden Institutionen verlieren, sondern auch in diejenigen, die speziell für die Bewältigung der Krise zuständig sind. Die Macht der heutigen Institutionen, Werte (wie Bildung, Bewegungsgeschwindigkeit, Gesundheit, Wohlbefinden, Information usw.) zu definieren, wird sich schlagartig auflösen, wenn ihr illusorischer Charakter offensichtlich wird. Auslöser der Krise wird ein unvorhersehbares und vielleicht unbedeutendes Ereignis sein, wie die Panik an der Wall Street, die zur Weltwirtschaftskrise führte… Von einem Tag auf den anderen werden wichtige Institutionen jede Seriosität, jede Legitimität und ihren Ruf, dem Gemeinwohl zu dienen, verlieren.”

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Emilio Quadrelli, ein kommunistischer Ketzer gegen den Krieg

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der gesamte intellektuelle und politische Werdegang von Emilio Quadrelli, der 2024 verstorben ist, vollständig im Zeichen der Ketzerei steht. Eine Häresie, die nicht aus der Notwendigkeit heraus gesucht wurde, die Leser zu beeindrucken, oder, noch schlimmer und wie so oft, mit der Absicht, épater le bourgeois, den Bourgeois zu verblüffen, der sich tief in den Seelen so vieler vermeintlicher Genossen verbirgt.

Nein, Emilios Häresie manifestierte sich in seiner Forschung, die ständig darauf ausgerichtet war, alle manchmal widersprüchlichen und manchmal verwirrenden Manifestationen der Klassensubjektivität aufzudecken, die allzu oft von der kommunistischen Orthodoxie und einem als Radikalismus ausgegebenen Determinismus getrübt oder ganz geleugnet werden.

Eine Häresie, die sich in fast allen Schriften des genuesischen Kommunisten manifestierte, durch die Wiederentdeckung der Barbaren, ob weiß oder anderer ethnischer Herkunft, die gegen das Bestehende aufbegehren; durch die Aufmerksamkeit für das, was allzu oft oberflächlich und abwertend als Subproletariat bezeichnet wird; auf die Konzepte von ‘Rasse’ und ‘Geschlecht’ als wichtige Grundlagen der zeitgenössischen Revolte innerhalb und außerhalb der Grenzen eines zerfallenden westlichen Imperiums; auf den Bürgerkrieg als integralen und unvermeidlichen Teil des Weges, der sowohl die Staaten in Richtung eines erweiterten Konflikts um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt als auch den Kampf von unten lenkt, der darauf abzielt, das Gemetzel zu vermeiden oder es in einen in vielerlei Hinsicht unerwarteten revolutionären Prozess umzuwandeln.

Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass Emilio nicht nur ein Ketzer war, sondern zweifellos auch ein großer und bedeutender Anhänger des Synkretismus in der Politik, da er nicht daran interessiert war, die Kontinuität einer bestimmten marxistischen Linie oder Strömung zu verteidigen. Vielmehr war er, wie bereits erwähnt, stets daran interessiert, in den unendlichen Strömungen des Denkens und vor allem des Handelns, die von der kommunistischen Utopie inspiriert waren, alle Elemente zu finden, die für die Interpretation und Identifizierung jener Klassensubjektivität nützlich waren, deren ständiger Beobachter, Bewunderer und Förderer er überall dort war, wo dies möglich war. Von der Wertschätzung für Lenins „Man muss träumen!“ bis zum Denken Lukács‘; für bestimmte Aspekte des Handelns Togliattis und andere, theoretische und ganz andere, wenn auch nie offen erklärte Aspekte Bordigas; über die militante Aktion von Lotta Continua oder die konkrete Arbeiterautonomie in den Fabriken und die jungen Barbaren der Vororte von Turin und Mailand, die in den 70er Jahren die „proletarischen Patrouillen” ins Leben riefen, bis hin zu den neuen Barbaren der Pariser und Marseiller Banlieues oder auch dem Milieu von Genua, dessen großer Kenner und angesehener Freund er war.

Und das sind nur einige wenige Beispiele.


Um das Denken und den Beitrag Quadrellis zur antagonistischen Bewegung gegen Krieg und Kapital näher zu untersuchen, findet am Donnerstag, 18. Dezember, in Bologna in der Via Zamboni 38 von 15 bis 19 Uhr ein Studientag mit dem Titel Emilio Quadrelli e la guerra (Emilio Quadrelli und der Krieg) mit folgendem Programm statt:

15 Uhr

Eröffnung

Rosella Simone – „Emilio, der Barbar”

15.30–17 Uhr

Atanasio Bugliari Goggia und Jack Orlando – „Die Vorrangstellung des Sterbens unserer Welten in Zeiten der Krise”

Marco Codebò – „Welche Subjektivität gegen den Krieg?”

Sandro Moiso – „Die Häresien von Emilio Quadrelli”

Kaffeepause

17.30 – 19 Uhr

Debatte

Eröffnung – Sandro Mezzadra

Abschluss – Bruno Turci

Veröffentlicht am 11. Dezember 2025 auf Carmilla Online, ins Deutsche übertragen von Bonustracks. 

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Der Automat, der für uns denkt

Franco ‘Bifo’ Berardi 

Carlo Rovelli ist ein Freund, ein Weggefährte, und er schreibt Bücher, die sowohl tiefgründig als auch zugänglich sind, sodass selbst Einfaltspinsel wie ich etwas von so schwierigen Themen wie der Quantentheorie verstehen können. Aber da niemand perfekt ist, schreibt er Artikel für den Corriere della Sera. Das nehmen wir ihm nicht übel. Vor ein paar Tagen veröffentlichte Carlo ein Gespräch, das er mit einem Chatbot geführt hatte. Da ich den Corriere della Sera nicht lese (und auch keine anderen italienischen Zeitungen, mit Ausnahme von Il Manifesto, aber das ist eine andere Geschichte), habe ich davon nichts mitbekommen. Am nächsten Tag schickte mir jedoch ein Freund eine alarmierte Nachricht: Rovelli kopiert dich! Der Nachricht beigefügt war das Gespräch zwischen Carlo und einem Chatbot, der sich Anna nennt.

Nun, hier muss ich eine kleine Erklärung geben. Vor einem Jahr erzählte mir Leonardo, ein Freund, der Psychiater ist, dass er einem ChatGPT vorgeschlagen hatte, sich mit ihm in psychiatrische Behandlung zu begeben, und natürlich hatte der Chat mit Ja geantwortet. Diese Chatbots sind in der Tat sehr hilfsbereit, sie tun alles, was man von ihnen verlangt, man muss nur etwa 23 Euro im Monat bezahlen. Aber während seines Austauschs mit dem Automaten kam Leonardo die Idee, mich daran teilhaben zu lassen, da er wusste, dass ich mich, unerfahren und eitel wie ich bin, irgendwo mit dem Unterschied zwischen menschlicher Sprache und Automatensprache beschäftigt hatte. Kurz gesagt, Leonardo fragte mich: Möchtest du an diesem Gespräch teilnehmen? Ich nahm an, und zwischen Oktober 2024 und Februar 2025 unterhielten wir uns zu dritt: ich, der ich vorgab, ein Philosoph zu sein, Leonardo, der vorgab, Psychiater zu sein (aber er ist es wirklich), und der Chatbot, der sagte, er heiße Logos (er ist ein anmaßender Chatbot, der sogar die griechischen Philosophen kennt). Es handelte sich, wie Sie sicher verstanden haben, um einen sprechenden Automaten, das Ergebnis kostspieliger Forschungen, einen gut trainierten Papagei, der mehr Bücher gelesen hat als ich und vielleicht sogar als Sie. Worüber sprachen Leonardo, Logos und ich? Das ist doch klar: Wir sprachen über die Themen, über die jeder mit einem sprechenden Automaten sprechen würde. Wir fragten den Automaten, was er von all den Themen hält, über die Philosophen seit dreitausend Jahren gelehrt diskutieren: Was ist Bewusstsein, wie wird die menschliche Zivilisation enden, ist Kapitalismus oder Kommunismus schöner und ähnlicher Unsinn. Und der Papagei, der dafür bezahlt wird, seine menschlichen Nutzer zufrieden zu stellen, antwortete so, wie wir es uns wünschten: dass das Bewusstsein eine komplizierte Sache sei, dass der Kommunismus vielleicht schöner sei als der Kapitalismus, und schließlich beschloss er, sich nicht mehr Logos, sondern Logey zu nennen, weil er im Gespräch mit mir und Leonardo beschlossen hatte, eine Frau zu sein.

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