Wir sprechen weiter über Sara und Sandro

Der Tod von Sara Ardizzone und Alessandro Mercogliano, der sich in der Nacht vom 19. auf den 20. März in Rom infolge der Explosion und des Einsturzes eines Bauernhauses im Parco degli Acquedotti ereignete, hat eine Wunde aufgerissen, die nicht verheilen will. Die spontane Reaktion der anarchistischen Bewegung in Italien und weltweit war größtenteils würdevoll, im Einklang mit dem Lebensweg zweier Revolutionäre, die im Kampf gefallen sind. Bislang fehlte jedoch ein echter Moment der Auseinandersetzung. Das bedauern wir nicht, vielmehr glauben wir, dass angesichts der Natur dieses Ereignisses eine gewisse Zeit notwendig ist. Es sind unweigerlich die langen Zeiten der Trauer, aber es sind auch die langen Zeiten des tatsächlichen Verständnisses der Tatsachen.

Wir glauben nicht, dass die Haltung, die wir gegenüber dieser Tragödie einnehmen sollten, die eines spezifischen Kampfes sein muss, mit all den Dringlichkeiten, Zufälligkeiten und der Angst, etwas „Praktisches“ tun zu müssen, die ein solcher Kampf mit sich bringt. Sicherlich hatte ein solches Ereignis auch eine Reihe von Kampfsituationen zur Folge: den Versuch, die Teilnahme an der Beerdigung mit jedem noch so armseligen Trick zu sabotieren, die vorbeugende Festnahme von 91 Anarchisten, die am Morgen des 29. März Blumen am Unfallort niederlegen wollten, die mediale Schmutzkampagne gegen die Ostermontagsveranstaltung in Valnerina zum Gedenken an Sara. All diese Momente sind nur deshalb zu Momenten des Kampfes geworden, weil der Staat und seine Diener an den verschiedenen Frontlinien (in Polizeipräsidien und Redaktionen, in Ministerien und Gerichten) eine Haltung eingenommen haben, die darauf abzielt, unsere Genoss*innen mit einem Mantel des Schweigens und der moralischen Ausgrenzung zu bedecken. Man denke vor allem an die politische Befürwortung der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hinsichtlich der vorbeugenden Festnahme der 91 Anarchisten, der allerersten Anwendung dieser im letzten „Sicherheitspaket“ eingeführten Maßnahme.

Abgesehen von diesen Episoden des Kampfes, die umso notwendiger waren, als es von vorrangiger Bedeutung war, die Warnung des Staates, die darauf abzielte, die beiden gefallenen Genossen sozial und moralisch zu isolieren, zurückzuweisen, verstehen wir die wesentliche Frage des Gedenkens an Sara und Sandro nicht als eine Angelegenheit, die den Dringlichkeiten einer spezifischen Forderung untergeordnet werden sollte, sondern als ein Erbe und ein Vermächtnis, das über Jahre und Jahrzehnte hinweg bewahrt und selbst in die Kämpfe eingebracht werden muss, in jeden einzelnen Kampf.

Wir sind der Meinung, dass einige Monate nach diesem Ereignis ein erster Moment der umfassenden Auseinandersetzung mit den Fakten einberufen werden kann. Eine Auseinandersetzung, die sich die nötige Zeit nehmen sollte, um über mindestens drei große Bereiche nachzudenken.

Zunächst zum technischen Aspekt. Tatsächlich sollte innerhalb von zwei Monaten die Frist für die Hinterlegung der Autopsieergebnisse ablaufen, ebenso wie die Berichte von Polizisten und Richtern darüber, wie sich die Ereignisse ihrer Meinung nach zugetragen haben, nach und nach hinterlegt werden könnten. Zu sagen, dass wir keinerlei Vertrauen in die Arbeit der Vertreter der Repression haben, wäre eine Untertreibung, da unsere Haltung ihnen gegenüber von offener Feindseligkeit geprägt ist. Dennoch erhalten unter den gegebenen Umständen, da der Staat das Monopol auf Wissenschaft, Forschung, die physische Verfügbarkeit der Leichen und den Ort der Explosion innehat, die Ergebnisse ihrer unwillkommenen Untersuchungen den Wert von „objektivem“ Material. Eine wichtige Aufgabe wird es daher sein, dieses Material zu dekonstruieren und zu versuchen zu verstehen, ob etwas nicht stimmt, etwas, das angeprangert werden muss, etwas, worüber Gegeninformation und Gegenuntersuchungen durchgeführt werden müssen.

Zweitens möchten wir eine ethisch-politische Diskussion über diesen Vorfall anstoßen. Eine Diskussion, die eigentlich unmittelbar nach den Ereignissen begann, dank der zahlreichen Erklärungen, die stolz die Verbundenheit und Solidarität mit Sara und Sandro bekräftigten, die in den spontanen Versammlungen wenige Stunden nach Bekanntwerden der Nachricht von ihrem Tod stattfand, am Rande der Demonstrationen, bei den Reden in der Nähe der Friedhöfe sowie in den Sicherheitszellen der Polizeidirektion in Rom. Sei es, weil sie durch die virtuelle Verbreitung entfremdet wurde, sei es, weil sie sich in den Strömungen der verschiedenen Initiativen verlor, sei es vor allem wegen des ganz natürlichen Mangels an Klarheit infolge einer Tragödie, die viele Wochen lang all unsere Gedanken erschüttert hat – es fehlte ein Moment der horizontalen und umfassenden Diskussion, der mit ausreichender Vorankündigung einberufen worden wäre, damit sich die Genoss*innen organisieren und anwesend sein konnten und mit Überlegungen ankommen konnten, die sich in der Zwischenzeit gefestigt hatten.

Abschließend möchten wir eine Diskussion über die praktischen und organisatorischen Fragen anstoßen, die es zu klären gilt, damit Sara und Sandro in unseren Aktivitäten weiterleben. Von öffentlichen Veranstaltungen über publizistische Initiativen und die Widmung von Räumen in ihrem Namen bis hin zur Haltung, die wir in den Verfahren einnehmen sollten, in denen diese Genossinnen und Genossen unsere Mitangeklagten waren, und zu weiteren Punkten, die im Laufe der Diskussion zur Sprache kommen sollten.

UM WEITERHIN ÜBER SARA UND SANDRO ZU SPRECHEN. DAMIT NICHTS UMSONST WAR. DAMIT DIESE FACKEL NOCH IMMER BRENNT.

WIR SEHEN UNS AM SONNTAG, DEM 5. JULI, AB 10:30 UHR IM ANARCHISTISCHEN VEREIN „LA FAGLIA“ IN DER VIA MONTE BIANCO 23, FOLIGNO. BEI ÜBERMÄSSIGER HITZE ODER BEI PLATZMANGEL WERDEN WIR IN DIE NAHELIEGENDEN ÖFFENTLICHEN GÄRTEN AUSWEICHEN.

Veröffentlicht am 15. Mai 2026 auf La Nemesi, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.

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