Zwei Geschichten vor dem August

Cesare Battisti

Das Kennzeichen der Gefangenschaft

Auf die eigene Vergangenheit zurückzublicken und sich nicht an das Datum bestimmter Ereignisse zu erinnern, die dennoch bedeutende Momente meines Lebens geprägt haben, ist deprimierend. Ich könnte eine erlebte Szene detailliert beschreiben, eine Stimmung schildern oder auf die Bedeutung einer Geste oder eines Ausdrucks zurückkommen; ich habe nicht einmal Zweifel an der Abfolge dieser Ereignisse. Aber ihnen ein Datum zuzuordnen, wenn es nötig wäre, das ist eine ganz andere Sache. Ich glaube nicht, dass dies eine Schwäche ist, die dem Alter zuzuschreiben wäre; wenn dem so wäre, wäre eher das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt. Aber genau das ist der Punkt: Das Gefängnis glättet die Erinnerungen auf eine einzige Zeitachse, wie eine Dampfwalze, die alles in einer grenzenlosen Gegenwart ebnet.

Die leere Zeit ist das Kennzeichen der Gefangenschaft, sie ist ein Kalender mit nur einer Seite, sie ist Zeit, die an diesem Ort nicht vergeht – ohne Außenwelt, ohne Hoffnung und ohne Sinn. In der quälenden Ungeduld des Wartens ist es nicht mehr möglich, die jüngste Vergangenheit von der fernen zu unterscheiden; es mag vor einem Jahrhundert oder vor einer Woche geschehen sein, für den Gefangenen wird es immer und ausschließlich ein „Gestern“ sein. Es handelt sich nicht um eine persönliche Sichtweise, die vielleicht einem Moment der Niedergeschlagenheit geschuldet ist, sondern um eine unumstößliche Erkenntnis. Sie prägt sich in die Seele der immer noch viel zu vielen Menschen ein, die gezwungen sind, sich an die gnadenlose Umgebung des Gefängnisses anzupassen. Das Gefängnis ist nicht nur der Ort der Strafverbüßung, es ist auch und vor allem eine andere Art, in der Welt zu sein. Der Gefangene passt sich der Leere an, er hält durch, doch um dies zu tun, muss er sich selbst aufgeben. Und die Zeit hilft ihm dabei, indem sie ihren Lauf anhält. Manchmal, um mir zu sagen, dass es immer noch Schlimmeres gibt, oder einfach nur, um die Stille der Nacht mit Gedanken zu füllen, springe ich von Qual zu Qual und verwechsle dabei Epochen und Gefängnisse. Dann spüre ich wieder das Kitzeln auf meinen Lippen, das mir die Kakerlaken bereiteten, wenn sie kamen, um mir den Speichel abzusaugen, sobald ich in einer Sicherheitszelle am Quai des Orfèvres, dem Zentralpolizeipräsidium von Paris, die Augen schloss. Und dann die Kälte des Gefängnisses von Fresnes, der berüchtigten Hochburg der Sicherheit seit den Zeiten der Nazi-Besatzung.

Die Grausamkeit jener Wachbeamten, ihre alltägliche Verachtung der Menschenwürde, schmerzt mich zutiefst. Da ich das Regime der Sondergefängnisse auf dem Höhepunkt der Repression in Italien erlebt hatte, glaubte ich, es gäbe keine schlimmere Schandtat, die mich noch erschüttern könnte. Es scheint unmöglich, wenn ich mich jetzt daran erinnere, hier an meinem Schreibtisch vor meinem PC sitzend, mit den Gipfeln der Apuanischen Alpen so nah an meinem Fenster, dass ich zeitweise die Gitterstäbe vergesse, die uns trennen.

Noch immer inhaftiert, ja, und weit weg von jenem Frankreich, das in der Pflicht so streng und im Recht so gewissenhaft ist. Aber es war nicht gestern, wie mir die Schlaflosigkeit weismachen will, es ist schon lange her. Mein erstes Auslieferungsverfahren war im Gange, in welchem dann meine Auslieferung vom Pariser Gericht abgelehnt wurde.

Im Gefängnis von Fresnes war ich nur fünf Monate lang, eine andere Welt, eine andere Zeit, doch meine Gedanken sind dort hängen geblieben und lassen mich nun nicht mehr los. Es zwingt mich, mich an den Dreck zu erinnern, die Kälte des nordischen Winters bis in die Knochen zu spüren, mit gesenktem Kopf unter den Beleidigungen der betrunkenen Wärter. Dann wurde ich mit gefesselten Händen und Füßen vor Gericht gestellt. Das galt für alle, egal ob Hühnerdieb oder internationaler Terrorist. Frankreich gibt und Frankreich nimmt, sogar das Leben – hätte die sozialistische Regierung nicht einige Jahre zuvor die Guillotine abgeschafft. Fresnes war eine Erfahrung, die mich mehr prägen wird als so manches andere Unglück, manche davon sogar schlimmer, vielleicht weil ich das nicht von einem Land erwartet hatte, das ich für hochzivilisiert hielt und das ich obendrein nie beleidigt hatte.

Die Dunkelheit saugt mich auf, von einer Kälte zur nächsten. Und ich weiß nicht mehr, ob es Fresnes oder Oristano ist. Die unter der groben Decke zitternden Knochen scheinen dieselben zu sein, aber das Herz nicht – das in der Isolationszelle von Oristano ist müde, und auch die Geschichte, die es erzählt, ist eine andere. Unterschiedliche Empfindungen, doch dieselben Erfahrungen, die die Hoffnung töten, endgültig wie der Tod, bis zu dem Punkt, an dem man keine Angst mehr davor hat. Auch das Gefängnis von Oristano gehört der Vergangenheit an, alles liegt im bodenlosen Sack der Strafe. Doch die Nacht ist unruhig, und die Gedanken kreisen darum. Sie hüpfen von Gefängnis zu Gefängnis und legen die erbärmliche Rückkehr in die heimischen Gefängnisse bloß. Erinnerungen, die ich für erloschen hielt, brennen nun in der Nacht. Es war gestern, erst gestern. Nichts Ungewöhnliches, ich habe schon lebenslänglich Verurteilte gehört, wie sie tausend Varianten der Gegenwart neu zusammensetzten, indem sie die Karten eines Gestern vermischten, das selbst für das Gedächtnis der Gerichtsarchive zu weit zurückliegt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der diese seit Jahrzehnten inhaftierten Gefangenen von ihrer früheren Freiheit erzählen, trotz der Zeit und der Strafen, ist die ausgestreckte Hand in meiner dunklen Nacht. Eine starke Hand, die mich zum nächsten „Gestern“ führen wird.

***

Silvana und Küsse

Silvana habe ich in der Mittelstufe geküsst. Genauer gesagt, hat sie mich geküsst, und noch bevor ich es überhaupt begriff, hatte sie sich schon von mir gelöst und rannte davon, wobei sie ihr geblümtes Kleidchen mit der Hand festhielt. Was Silvana vor diesem Kuss gegessen hatte, habe ich mich bis zur Oberstufe gefragt. Auf ihren Lippen lag ein seltsamer Geschmack, den ich vergeblich in anderen Mündern gesucht habe, die ich küssen wollte. Manchmal glaubte ich, ihn wiedergefunden zu haben, wenn ich auf einer Blume herumkaute oder in einer Tüte mit Süßigkeiten. Es kam mir sogar so vor, als würde ich ihn in den Reimen eines Gedichts wiederfinden, das ich in der Schule gelesen hatte, oder ihn in einem Lied von Equipe 84 mit Guccini entdecken.

Ich suchte nach Silvana, während ich durch die Straßen von Latina rannte, und küsste andere Mädchen, um zu üben und es ihr dann zu zeigen. Es war die Zeit der Küsse. Man küsste sich, um sich nicht von dem heranwachsenden Alter ausgeschlossen zu fühlen, und auch, um in der Schule über Münder zu sprechen, als wären sie Eis am Stiel, an dem man lecken könnte. Und um den Geschmack von Silvana nicht zu vergessen, mit ihrem geblümten Röckchen und dem schwarzen Pony, der ihr die Stirn umrahmte. Ich habe Silvana überall gesucht.

Dann glaubte ich, sie unter den Schülern der fünften Klasse wiederzuerkennen, mit ausgestelltem Hosenbein und tief sitzendem Gürtel. Ich umarmte sie flüchtig im Treppenhaus der Sozialwohnungen, fragte sie, wo sie ihren Charme gelassen habe, und ließ mich wie ein Trottel behandeln, wenn ich Ausreden erfand, um zu fliehen. Silvana brachte mich in Verlegenheit, wenn wir mit Lino und seiner Clique ein Moped „ausliehen“, um zu den Dorffesten zu fahren und die Mädchen zu beeindrucken, die wir küssen wollten. Manchmal kam es mir so vor, als würde sie applaudieren, wenn ich einen Teil meiner Beute für eine militante Sammelaktion abgab oder um den Anwalt eines Genossen zu bezahlen, dessen Sache schlecht ausgegangen war; manchmal ging es darum, einen Vervielfältiger zu kaufen, dessen Nutzen mir aber noch gleichgültig war.

Ich glaubte, sie in der weinenden Menschenmenge zu sehen, als „Lotta Continua“ zusammen mit den Leuten von „Quinta“ die Piazza del Popolo gefüllt hatte, während ich geschlagen und an einen Polizeiwagen gefesselt wurde. Der Geschmack von Silvana brannte mir in der Kehle, jedes Mal, wenn ich ein wenig frische Luft atmete, während ich mit einer neuen Freundin spazieren ging.

Noch heute, mit gekrümmtem Rücken und ergraut, glaube ich, sie zwischen den Zeilen zu sehen. Während sie mit enttäuschtem Blick unter dem üppigsten Baum der Macchiarella ihre Hose wieder anzieht – dem Alkoven, dem meine erste Liebe einen Streich gespielt hat. Umwerfend schön, schien es, als wäre es ihre Haut, die ihr rotes T-Shirt parfümierte. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, gut geeignet, um das Geschlecht zu entdecken und das Wenige, was man damit anstellen kann. Und jetzt, an diesem kalten, einengenden Sonntag, während ich in Gedanken den vergangenen Tagen nachschiele, mit einigen geschenkten und empfangenen Orgasmen, schließe ich die Augen und schäme mich immer noch. So hätte man es nicht machen sollen, zu schüchtern, um Silvana zu gestehen, dass ich es noch nie zuvor getan hatte. Ich ging hinein und schnappte mir hastig, was ich konnte, um mich dann wie ein Dieb mit leeren Händen zurückzuziehen. Das war alles, was ich bis dahin gelernt hatte.

Jetzt, da ich glaube, all das verstanden zu haben, suche ich vergeblich nach dem Bruchpunkt, nach dem Tag und dem Augenblick, in dem mich die Jugend im Stich gelassen hat und die Welt zu einer Prärie wurde, die es zu verbrennen galt. Es ist schwer, Träume von Illusionen zu trennen; wer weiß, vielleicht gehören sie zum selben Stoff, wie der Tod und die Schönheit, die mich damals bedrängten und die ich auch heute noch zu verstehen versuche. Was ist aus dem Jungen geworden, der inne hielt, um sich zu fragen, was das war, der etwas Schönes aus dem Alltäglichen machte, wie jenen Sonnenuntergang am Meer, der auch gestern da war und morgen wiederkommen wird?

Von der Höhe meines Alters aus – oder vom Tiefpunkt meines Unglücks – blicke ich zurück auf die Zeit, als ich mir selbst etwas vormachte und mir einredete, ich wäre bei denen, die die Plätze füllten, während ich für eine Handvoll Emotionen und ein paar Lire mehr in der Tasche mit Lino und seinen Leuten der Nacht trotzte. Und doch glaube ich weiterhin, dass dies die fruchtbarste Zeit meiner Vergangenheit war. Sie hat mir im Nachhinein den tiefen Sinn einiger Handlungen im Leben verständlich gemacht. Es war, als würde man einen kleinen, unbedeutenden Samen betrachten, aus dem Pflanzen sprießen, die Früchte tragen, aber auch giftige Beeren. Damals war ich fasziniert von der Härte einer Eichel, aus der einmal ein riesiger Baum werden würde; heute begnüge ich mich mit einem Wald aus Pixeln auf dem Fernsehbildschirm. Die Eiche trägt keine Schuld daran, dass ich statt der Kühle ihres Schattens die Kälte des Staates gewählt habe.

Silvana ist das Mädchen, das niemals mein war. Sie ist der kleine Vogel des Sträflings, der keine Strafe verbüßt; sie hüpft immerzu frei auf der kleinen Mauer herum, die sich hinter dem Gitter befindet. Ich habe sie neu erfunden, um mir vorzustellen, dass ich lebe, und um mit der Mauer auf Augenhöhe diskutieren zu können, wenn sie mir ein unbesonnenes Leben vorwirft. Ich brauche sie, um den Geschmack einer Epoche wieder aufleben zu lassen, die mir durch die Finger geglitten ist, die ich überall anderswo gesucht habe und von der ich nun hier erzähle.

Erschienen am 14.Juli 2026 auf Carmilla Online, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.

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