Emilio, der Barbar und die Orthodoxie

Rosella Simone

  • Anlässlich des zweiten Jahrestags des Todes von Emilio Quadrelli möchten wir mit der Veröffentlichung des Beitrags, den die Autorin am 18. Dezember 2025 auf der ihm gewidmeten Fachtagung in Bologna vorgetragen hat, an ihn als revolutionären Militanten und Forscher der Zukunft erinnern. (Redaktion Carmilla)

„Du bist besser darin, Folter zuzufügen, als sie zu erdulden“, sagte Conan mit ruhiger Stimme. „Ich wurde ans Kreuz genagelt, so wie du jetzt, und habe dank der Standhaftigkeit der Barbaren überlebt. Aber ihr zivilisierten Menschen seid weich, euer Leben hängt nicht so fest an eurem Rückgrat wie das unsere; der Mut, mit dem ihr prahlt, besteht vor allem darin, Qualen zuzufügen, nicht darin, sie zu ertragen. Bevor die Sonne untergeht, wirst du tot sein.“

Robert Ervin Howard, Conan der Barbar

Ich kenne Emilio seit der ersten Hälfte der 1970er Jahre, dem goldenen Zeitalter des 20. Jahrhunderts, dem „kurzen Jahrhundert“ nach dem Historiker Eric Hobsbawm; demselben Jahrhundert, das nach 1989 und dem Zusammenbruch der UdSSR für Francis Fukuyama das Ende der Geschichte markierte und das Zeitalter der liberalen Demokratie einläutete. Für mich ein Haufen sehr erfolgreicher Unsinnigkeiten – ich war dabei, und Emilio war auch dabei, und das 20. Jahrhundert war keineswegs kurz, tatsächlich ist es noch nicht zu Ende, die Widersprüche, die es damals gab, sind alle noch da, und die liberale Demokratie hat nicht gesiegt.

Emilio und ich sind uns in den 70er Jahren in den Gassen der Altstadt von Genua über den Weg gelaufen, wir haben uns bei Demonstrationen wiedererkannt, sind aber erst einige Jahre später – durch das Gefängnis – Freunde, ja sogar Familie geworden. Wir schrieben uns von Gefängnis zu Gefängnis lange, ironische und wirre Briefe, durch die wir uns unglaublich schlau und solidarisch fühlten. Er hat eine ganze Menge Zeit im Knast verbracht, ich bin viel eher davongekommen, aber die Verbindung ist geblieben, glaube ich, weil wir am selben Ort und zur selben Zeit eine Zeit voller Abenteuer und Kampf erlebt haben, diesen Sturm auf den Himmel, den eine bedeutende Minderheit von Frauen und Männern fast zwei Jahrzehnte lang durchlebt hat. Er wurde 1956 geboren und war somit 13 Jahre jünger als ich; zwischen uns gab es nie erotische Spannung, aber das Bewusstsein für einen Unterschied – er ein Mann, ich eine Frau –, und das hatte seine eigene Bedeutung beim Austausch von Standpunkten. Auch deshalb war ich bei ihm, als er starb, in jener schrecklichen Augustwoche des Jahres 2024, als die Hitze den Asphalt zum Schmelzen brachte und Emilio sich auf den Tod vorbereitete. Ich war dort, weil ich seine Geschichte zwischen Mythologie und Gefühl festhalten wollte, sie also in ihrer Zerbrechlichkeit erfassen und gemeinsam in sie hineinschauen wollte. Ich dachte, es würde ein interessanter Prozess für uns beide werden, ein Versuch, das Innere zweier unterschiedlicher Subjektivitäten zu vermitteln, die jedoch dieselbe historische Epoche erlebt hatten. Es kam mir wie etwas Entscheidendes vor, aber – auch wegen meiner eigenen Unzulänglichkeit – habe ich nicht das gefunden, wonach ich gesucht habe. Als er starb, war ich ein bisschen sauer auf ihn, nicht nur, weil er viel zu früh gegangen war, sondern auch wegen dieser Unmöglichkeit, auf einer tieferen Ebene miteinander zu kommunizieren – jenseits politischer Theorien und der Rolle, die jeder von uns sich im Leben zugeschrieben hatte. Ich suchte nach der der Figur zugrunde liegenden Vorstellungswelt, nach den verborgensten Strukturen unseres Geistes, ich suchte nach seinem Geist, und stattdessen fand ich immer nur die Figur. Ich hätte gerne mit ihm gemeinsam ergründet, der seit vielen Jahren zum Intellektuellen geworden war und eine Menge gewichtiger Bücher geschrieben hatte, wo und an welcher Stelle sich die Sensibilität eines Mannes verbarrikadierte, den ich geliebt hatte.

Ich brauchte eine Woche voller verzweifelter Tränen, um zu begreifen, dass ich ihm keinen Vorwurf machen konnte, wenn er – wie jeder andere auch – sein Geheimnis mit sich genommen hatte und bis zum Schluss sich selbst treu geblieben war. Bis zu jenem verfluchten Montag im August im Galliera-Krankenhaus, als man dich auf die Intensivstation brachte, wo du wusstest, dass du sterben würdest, und du Claudio, der dich im Krankenwagen begleitet hatte und sich nun von dir verabschiedete – und ihr beide wusstet, dass es das letzte Mal war –, mit einem letzten Hauch von stolzer, ganz und gar männlicher Gleichgültigkeit gefragt hast: „Wie hat Sampdoria gespielt?“ Dabei war dir, nach den heroischen Zeiten von Vialli und Präsident Mantovani, die Sampdoria eigentlich völlig egal. Aber es gibt eine Art zu sein, das Leben zu betrachten, die sich nicht leugnen lässt; es ist eine Frage des Stils und des Respekts vor sich selbst und anderen, um sie nicht zu enttäuschen, um ihnen kein Leid zuzufügen. Damit wir dich weiterhin als einen zähen, aber überaus liebenswerten Menschen sehen konnten, der bis zum Schluss mit dem Leben gespielt hat. Ein bisschen so, wie Jean-Paul Belmondo in der letzten Szene von ‘A bout de souffle’ stirbt. Man kann die Maske, die man sein ganzes Leben lang getragen hat, nicht abnehmen – sie ist zu deiner Haut geworden.

Emilio war als Barbar geboren worden, so wie wir alle damals ein bisschen waren. Wie Conan, der cimmerische Barbar, waren auch wir alle Waisen. Nicht, dass wir keine Eltern gehabt hätten – wir hatten welche –, aber wir hatten sie verstoßen. Sie waren vom Kapital, von der Kommunistischen Partei oder von der Christdemokratie gezähmt worden, berauscht von der Arbeitsethik, und wollten, dass wir so wurden wie sie: nur Arbeit und Gehorsam, besiegt und zufrieden damit, die Waschmaschine und den Seicento auf Raten zu kaufen. Wir wussten nicht genau, was wir wollten, aber wir wussten, dass wir nicht so sein wollten wie unsere Eltern. Die Welt um uns herum veränderte sich, und wir wollten mitmischen, wir wollten dabei sein, etwas bewirken. Vor allem wollten wir träumen! Wir verschlangen alles, was das grandiose Feuer in uns anfachte; wir liebten Marx und Lenin, weil wir gegen Ungerechtigkeiten waren und weil sie von uns verlangten, nicht als Kanonenfutter zu dienen, sondern uns in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen – und wir spürten, dass dies unser Schicksal war. Es gab alles zu lernen und zu erleben, und es war ein großes Abenteuer, fast wie die, von denen Ron Howard im ersten Pulp-Roman der Geschichte erzählte: Conan, der Barbar. Ein bisschen amerikanisch, davon waren wir überzeugt – vor allem, als in den Achtzigerjahren der Film von John Milius mit Schwarzenegger herauskam –, aber unterhaltsam, und außerdem begründete er eine Mythologie. (Kann man jemals ohne Mythen leben?)

Emilio war für mich gewissermaßen der Prototyp des cimmerischen Kriegers, des vaterlosen Jugendlichen, der sich gegen eine feindliche Welt nur mit seiner eigenen Kraft, seinem Mut, seiner Gerissenheit, seiner Loyalität gegenüber Freunden und seiner absoluten Feindseligkeit gegenüber Feinden verteidigen kann. Conan war nie der ängstliche und unterwürfige Wilde, Conan ist der Barbar, er ist der Andere, er ist der Neue, der in der Lage ist, eine subversive Subjektivität zu entfalten. Conan schließt Bündnisse mit denen, die wie er außerhalb des Gesetzes, der Normen und der Ordnung stehen. Conan besitzt die Lebenskraft, die die zivilisierte Gesellschaft verloren hat; er ist das einzige Subjekt, das in einer Situation überleben kann, in der die Geschichte zusammenbricht. Kurz gesagt, er ist die männliche Sichtweise auf die Geschichte, derjenige, der sich in einer Welt der Männer wiedererkennt, der mutige Frauen wie sich selbst schätzt, die zerbrechlichen beschützt und liebt und dessen einzige Perspektive der Krieg ist, und sei es auch nur der Klassenkrieg.

In jenen Jahren haben wir alles erfunden, wir waren unschuldig und wild. Irgendwo musste man ja anfangen. Auch ich identifizierte mich mit dem Helden, vielleicht mit Valeria, der äußerst geschickten Diebin, die gegen die Mächte des Bösen kämpft, um Conan vor dem Tod zu retten. Wer weiß, vielleicht wollte ich auch in jener schwülen und tödlichen Woche jenes schrecklichen Augusts 2024 dem Conan meiner Jugend eine Seele geben, um gemeinsam herauszufinden, ob es noch etwas anderes geben könnte als dieses zyklische Töten und Sterben. Ich wollte die Wissenschaft der kurdischen Frauenrevolution mit Kamo vergleichen, dem Protagonisten seines letzten Buches: L’altro bolscevismo. Lenin, l’uomo di Kamo.

Denn nach ‘Andare ai resti’, einem außergewöhnlichen Buch, hatte Emilio zwar noch viele andere geschrieben, doch in „Kamo“ kehrte Conan zurück. Er kehrte als Prototyp einer kollektiven Subjektivität zurück, und anstelle des Konflikts zwischen Natur und Kultur, der das Handeln der Figur aus der barbarischen Saga in ‘L’altro bolscevismo’ bestimmt, prallten in diesem Werk die politische Subjektivität und die Subjektivität der Klasse aufeinander, und es war die Gewalt der Klasse, die mit aller nötigen Kraft die Themen und Formen der Avantgarde bestimmte. Eine Vision, die auf der unerbittlichsten Feindschaft beruhte, die als Motor der Geschichte anerkannt wurde. Und während ich um Emilios Tod weinte, weinte ich auch um diese allzu heroische und gnadenlose Lesart. Denn ich sah in der Gegenwart einen fatalen Bruch der Geschichte heraufziehen, jenen in Stücken stattfindenden Dritten Weltkrieg, der den Planeten in die Brutalität der Welt von Conan zurückversetzen würde, um immer wieder, unvermeidlich, zu demselben schrecklichen Tanz des Massakers zurückzukehren. Ich hätte mir gewünscht, dass Emilio uns an jenem Ort – dem Ort des Weiblichen? – in eine andere Geschichte geführt hätte, in der die Anderen – Klassen, Ethnien, Geschlechter – einen Ort der Zugehörigkeit gefunden hätten, ohne Raubtiere zu sein. Einen neuen Anfang, nicht die Wiederholung eines Konflikts, der sich von Blut und menschlichem Fleisch nährt und in dem der Sieger die Macht übernimmt, bis ihn jemand mit derselben Methode entmachtet.

Im heutigen Weltgefüge bekämpfen sich die Imperien mit allen möglichen Mitteln. Der neue technologische Sprung benötigt keine arbeitenden Körper mehr, und bald wird er auch keine konsumierenden Körper mehr benötigen; die Unmenge an Gegenständen erstickt uns, der Markt ist übersättigt mit Waren, die sich nicht so schnell verbrauchen lassen, wie es die großen Hersteller gerne hätten. Der neue Horizont des Kapitals ist mittlerweile ein anderer, es ist die Kriegswirtschaft; Waffen sind das beste Produkt der Zukunft; sie sind dazu bestimmt, sich selbst zu zerstören, und wenn sie schon da sind, dienen sie auch dazu, den menschlichen Überschuss ein wenig auszudünnen. Von wegen Produktionsziel – mittlerweile sind wir einfach nur noch Ziele. Ich habe mich gefragt, lieber Emilio, ob es möglich wäre, die Denkweise zu ändern. Was nützt mir ein neues revolutionäres Subjekt, wenn es denselben Kreislauf aus Auflehnung, Macht und Tod inszeniert?

In Zeiten des Zusammenbruchs der Zivilisation, wie wir sie derzeit erleben, in denen mehrere imperialistische Mächte um die Vorherrschaft auf dem Planeten ringen, schlägt Emilio vor, nach dem revolutionären, barbarischen Subjekt zu suchen – dem unnachgiebigsten, dem am besten für das Überleben in jenen „Nationen“ geeigneten, mit oder ohne Staat, die sich einen Dreck um die Zivilisationen scheren, weil sie diese als gnadenlose Feinde kennen; und da sie gelitten haben, fürchten sie weder Unheil noch Folter noch den Tod; sie sind bereit, sich ihnen zu stellen und sie mit gleicher Gleichgültigkeit zu vergelten. Eine männliche Kraft, die im Notfall zu handeln weiß, ohne sich allzu sehr um die guten Sitten zu kümmern.

Ein Gedankengang, der mir heute nicht mehr ausreicht.

Mich überzeugt mehr die Philosophie der kurdischen Frauenbewegung, die sich am westlichen Denken orientiert und dieses mit ihrer eigenen Realität und ihrer Geschichte verbunden hat; die von sich selbst ausgegangen sind, um zu verstehen, was sie dachten, und dabei die Kategorien des Westens aufgebrochen haben, auch jene, die die Klasse anerkennen; ihre Lebenskraft ist authentisch, nicht in den Westen abgewandert, und sie haben sich als fähig erwiesen, Widerstand zu leisten, ihr Handeln einer kritischen Prüfung zu unterziehen und zugleich Vielfalt und Offenheit zu leben. Ich habe den Barbaren geliebt, der in uns allen steckte, doch nun ist es an der Zeit, die Erzählung zu ändern. Alles auf jene Nationen zu setzen, denen es nicht an Kultur mangelt, die aber die Fähigkeit besitzen, sich in der grundlegendsten Struktur der Geschichte zu bewegen, in ihren wesentlichsten und rohesten natürlichen Dynamiken – denn so gewinnt man, denn das ist die Geschichte und das darf man nicht vergessen –, reicht mir nicht aus. Die Philosophie der Stärke im Vergleich zur Ethik ist stark relativistisch: Alles ist erlaubt, um zu überleben und den Feind zu besiegen. Und nehmen wir einmal an, wir gewinnen – was passiert dann? Werden wir alle unschuldig und wählen den Besten, vielleicht einen Stalin, der sich durch die Ausübung von Gewalt das Gehirn verdorben und das Herz abgelegt hat?

Ich leugne nicht, dass diese Vorstellung von Macht auch mir eigen ist, aber ich habe über die Philosophie der Macht und den Mythos des Helden nachgedacht und will davon nichts mehr hören, auch und vor allem, wenn es um Heldinnen geht.

Was mich in den 70er Jahren an Emilio beeindruckte, war seine Lebenskraft; er brauchte Action, und das zeigte er mit seinem ganzen Körper, der einfach nie stillsitzen konnte. Er war schön, schlank und athletisch, auch wenn er diesen lustigen Gang wie ein Entchen hatte. Er lief in der „Moscardino“-Uniform des Novecento herum: Jeans, weißes Hemd und ein hellblaues Halstuch, das sofort verführerisch wirkte. Er war kühn und unschuldig, und seine Lebensmaxime war klar: Mut, Kühnheit, Loyalität gegenüber Freunden und totale Feindschaft gegenüber Feinden. Dann, in jener Wüste aus Hoffnung und Heroin, die die achtziger Jahre waren, hast du nach einer Niederlage, die endgültig schien, Kilogramm um Kilogramm Muskeln zwischen dich und die Welt geschoben und einen perfekten Körper in einen zuckenden Fleischklumpen verwandelt; du hast Bodybuilding-Vorführungen gegeben, hast studiert, bist zu einem seltsamen Intellektuellen geworden mit dem Körper und dem Gesicht eines Hafenarbeiters, eines Entladers, den du ja auch einmal gewesen warst, hast du in Volkssportstätten gerungen und all jene Bücher geschrieben, die vollkommen im Einklang mit deiner Vision der marxistisch-leninistischen Orthodoxie stehen, bis hin zu diesem letzten, in dem die Philosophie der Macht ihren Interpreten findet und Lenin zum Mann von Kamo wird.  Denn – und darin berührst du mich – aus dem Volk, aus den Letzten, die nicht aufgegeben haben, aus einer Jugend, deren Wurzeln in Welten liegen, die nicht von der Trägheit der Bourgeoisie verdorben sind, kann das neue revolutionäre Subjekt entstehen und wirken; in jenem Schmelztiegel aus Gewalt und Jugend, den die Banlieues, die Vororte der Metropolen und der Welt darstellen, entsteht die Partei des Aufstands. Ein wunderschönes Epos der Befreiung, aber es reicht nicht aus, über den Westen hinauszuschauen, um nicht doch westliche Methoden anzuwenden.

Ich schaue auf Chiapas und die kurdische Frauenbewegung und höre andere Sprachen, die mir authentischer erscheinen. Der Westen spricht von Atomkrieg, Geopolitik wird mit Erpressung und den Tricks eines Viehmarktes betrieben, nach dem Prinzip „ein bestimmter Preis pro Kilo“. In Kurdistan oder in Chiapas wird Widerstand zur Selbstverteidigung, die Sowjets heißen „Gemeinschaft“, die Dialektik drückt sich im gleichberechtigten Kreis aus und nicht in der Hierarchie der Partei, und wenn man sich in Chiapas begrüßt, fragt man: „Wie geht es deinem Herzen?“ Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin, aber ich habe es satt, Töchter und Söhne dem Vaterland und Enkelkinder den Gefängnissen zu geben, um mich dann wieder in derselben Welt der Waren, der Hierarchien und des Machismo wiederzufinden. Es bedarf einer anderen Art von Kühnheit, die in der Lage ist, die Komplizenschaften mit der Unterdrückung, die wir in uns hegen, zu entlarven. Angefangen bei der ursprünglichen, der Unterdrückung der Frau, aus der jede andere Form der Unterdrückung hervorgeht.

Wir werden nichts verändern, wenn es uns nicht gelingt, Stärke mit Zusammenarbeit zu verbinden, die Wut in eine innovative Strategie zu lenken und unsere Anstrengungen auf ein Paradigma zu konzentrieren, das nicht die Eroberung des Winterpalasts und der Macht vorsieht, sondern Teilen und Akzeptanz. In unserem individualistischen, überheblichen und egoistischen Westen, der an Unterdrückung und Höflinge gewöhnt ist, bräuchten wir vielleicht ein kollektives Selbstbewusstsein, das es uns ermöglicht, die Mitschuld aller und jedes Einzelnen an der eigenen und der Unterdrückung anderer offen auf den Tisch zu legen – ebenso wie diese Vorstellung von Stärke, oder besser gesagt von Überheblichkeit, als einzig mögliche Lösung von Konflikten. Wir müssen uns ohne Angst, unsere armseligen Identitäten zu verlieren, miteinander vermischen, den Groll ausspucken und unsere Träume von denen der anderen anstecken lassen, um uns auf noch unvorstellbare Abenteuer einzulassen. Vorausgesetzt, es ist nicht schon zu spät.

Jetzt aber, jetzt, da mehr als ein Jahr vergangen ist und ich nicht mehr sauer auf mich selbst bin, weil ich nicht verhindert habe, dass man dich aus dem Galliera-Krankenhaus zurückschickte, weil der Arzt keine Zeit hatte, dir das Leben zu retten, wird mir klar, dass ich als Erste dem Laster der Politik erlegen bin, als wäre sie die einzige Sprache, in der wir kommunizieren konnten, während die Sprache der Zuneigung den Gesten überlassen blieb.

Jetzt kann ich mich daran erinnern, dass wir damals, in den fabelhaften Siebzigern, oft gelacht haben.

Nun, da auch der Letzte einer großen, erfundenen Familie gegangen ist, die sich durch Tod, Melancholie, Verlassenheit, zu viel Schmerz und vielleicht auch durch den Wunsch nach Vergessen verloren hat, denke ich, dass es nicht einfach ist, ein Epos von innen heraus zu erzählen, das vielleicht nie existiert hat, das aber dennoch schwer zu vergessen und klar in Erinnerung zu behalten ist. Die Rhetorik gewinnt immer, im Positiven wie im Negativen. Diese Realität gibt es nicht mehr, und vielleicht gab es sie auch damals noch nicht, aber die Geschichte der Besiegten zu rekonstruieren, rührt immer sehr.

Ich erinnere mich jedoch noch gut daran, dass ich ihn gefragt hatte, ob er „Der andere Bolschewismus“ geschrieben habe, um sich in die Zukunft zu projizieren, ohne sie zu verraten. „Ja“, hatte er geantwortet, „die theoretischen Instrumente ermöglichen es, sich der Zukunft zu stellen.“ Und wozu dient die Rüstung, die du getragen hast? „Die Rüstung sollte eine Schutzhülle sein, um Abstand zu den Lebensweisen der Bewegung zu gewinnen – das Bier immer in der Hand, das Herumalbern … Nicht umsonst bin ich bei den SìCobas gelandet, um mit Strenge und ethischem Anspruch in die Zukunft zu führen. Da ist auch die Provokation, damit man irgendwie noch das letzte Spiel spielen kann und … scheiß auf alle, die das nicht verstehen.“

Ciao Emilio

Veröffentlicht am 12. August 2026 auf Carmilla Online, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.

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